{"id":1909,"date":"2017-12-20T14:16:22","date_gmt":"2017-12-20T14:16:22","guid":{"rendered":"https:\/\/integralsomaticpsychology.com\/?p=1909"},"modified":"2023-01-18T09:26:59","modified_gmt":"2023-01-18T09:26:59","slug":"was-ist-integrale-somatische-psychologie-gespraech-mit-raja-selvam","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/integralsomaticpsychology.com\/de\/was-ist-integrale-somatische-psychologie-gespraech-mit-raja-selvam\/","title":{"rendered":"Was ist Integrale Somatische Psychologie? Ein Gespr\u00e4ch mit Raja Selvam"},"content":{"rendered":"<p><strong>Interview: Serge Prengel, Somatic Perspectives on Psychotherapy.<\/strong><\/p>\n<p><em>Mitschrift: Cornelio. Deutsche \u00dcbersetzung: Silvia Autenrieth<\/em><br \/>\n(Hinweis: Der vorliegende Text weicht stark vom Originalinterview ab. Er wurde im Sinne der Klarheit und des Informationsgehalts nachtr\u00e4glich von Raja Selvam \u00fcberarbeitet.)<\/p>\n<p><em>Serge Prengel: Ich unterhalte mich hier mit <a href=\"https:\/\/integralsomaticpsychology.com\/raja-selvam-phd\/\">Dr. Raja Selvam<\/a>. Guten Tag, Herr Selvam. <\/em><\/p>\n<p>Raja Selvam: Guten Tag, Herr Prengel.<\/p>\n<p><em>Serge Prengel: Herr Selvam, Sie haben also einen Therapieansatz entwickelt, den Sie ISP nennen. M\u00f6chten Sie uns hierzu zun\u00e4chst einmal etwas erz\u00e4hlen? <\/em><\/p>\n<p>Raja Selvam: Gerne. ISP steht f\u00fcr <a href=\"https:\/\/integralsomaticpsychology.com\/what-is-integral-somatic-psychology\/\">Integrale Somatische Psychotherapie<\/a>. Ich werde kurz schildern, worum es sich handelt.<\/p>\n<p>Ich unterrichte schon seit langem verschiedene k\u00f6rperorientierte Herangehensweisen an die psychologische Arbeit. Es geht mir darum, wie man diese effektiver gestalten kann, indem man den K\u00f6rper und die Wahrnehmung des K\u00f6rpers st\u00e4rker einbezieht als im psychologischen Mainstream \u00fcblich. Durch meine Auseinandersetzung mit diesem Thema und die Erfahrungen, im Rahmen meiner Arbeit mit Klienten in vielen L\u00e4ndern und als Dozent, der klinische Weiterbildungen anbietet, sind mir irgendwann ein paar Punkte klar geworden, die f\u00fcr mich ganz entscheidend sind.<\/p>\n<p>Zum einen gibt es jede Menge an wissenschaftlichen Informationen zur physiologischen Seite der Emotionen sowie zum Selbstregulierungsprozess, nur hat sich dieses Wissen bislang nicht in der klinischen Praxis niedergeschlagen. Informationen, die sich nutzen lassen, um die Integration des K\u00f6rpers in die psychologische Praxis welcher Art auch immer zu vereinfachen.<\/p>\n<p>Zum anderen reicht es nicht, sich nur dem physischen K\u00f6rper zuzuwenden (dem einzigen K\u00f6rper, den die Wissenschaft als Ursprung unserer gesamten Erfahrungen anerkennt \u2013 dem K\u00f6rper, den wir im Sarg zur\u00fccklassen oder der verbrannt wird, wenn wir sterben). Vielmehr ist es auch wichtig, den feinstofflichen K\u00f6rper im Blick zu haben. Und dieser l\u00e4sst sich mit wissenschaftlichen Methoden nicht messen. Oder zumindest nur mit enormem (Kosten)- Aufwand, wie etwa im Rahmen von Forschungsprojekten aus der Quanten- oder Teilchenphysik m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Diesen K\u00f6rper bezeichnet man im Osten als den feinstofflichen K\u00f6rper. Er ist das Gegenst\u00fcck zu dem K\u00f6rper, der irgendwann im Sarg landet und den ich in diesem Interview den grobstofflichen oder physischen K\u00f6rper nennen werde. Wie alle Objekte auf dieser Welt hat auch der grobstoffliche K\u00f6rper eine Quantenebene. Der feinstoffliche K\u00f6rper dagegen existiert <i>nur <\/i>auf der Quantenebene. Im Westen wird er auch oft der &#8220;Energiek\u00f6rper&#8221; genannt. Dieser Begriff kann allerdings irref\u00fchrend sein, da <i>alle <\/i>K\u00f6rper, ob grob- oder feinstofflich, aus Energie bestehen. Sie unterscheiden sich nur in ihrer Frequenz.<\/p>\n<p>Der grob- und der feinstoffliche K\u00f6rper interagieren auf der Quantenebene. Ich habe mich gleichzeitig auch mit der \u00f6stlichen Psychologie befasst und entdecke in der modernen Quantenphysik Parallelen zu Aspekten, von denen dort schon seit uralter Zeit die Rede ist.<\/p>\n<p>Auch die westliche Kraniale Osteopathie arbeitet mit einem feinstofflichen K\u00f6rper. In diesen Kreisen bezeichnet man ihn als den fluiden K\u00f6rper. \u00dcber diesen sucht man die Regulierung im physischen K\u00f6rper zu verbessern. Ein Unterschied zwischen den beiden Sichtweisen ist allerdings der, dass die \u00f6stliche Psychologie behauptet, der feinstoffliche K\u00f6rper w\u00fcrde den grobstofflichen \u00fcberleben und sich reinkarnieren, w\u00e4hrend die Kraniale Osteopathie zu diesem Thema schweigt. Ich finde es effektiver, mit dem grob- und dem feinstofflichen K\u00f6rper gleichzeitig zu arbeiten. Schlie\u00dflich sind sie der Ursprung unserer gesamten Erfahrungswelt: Wahrnehmen, Denken, F\u00fchlen, Erinnern, Handeln, Verbindung herstellen, in Beziehung treten etc. Bei n\u00e4herer Betrachtung ist die Arbeit mit dem feinstofflichen K\u00f6rper auch gar nicht so schwierig wie gemeinhin angenommen.<\/p>\n<p>Aber wenn wir schon den <i>individuellen feinstofflichen K\u00f6rper <\/i>einbeziehen, k\u00f6nnten wir auch gleich noch den umfassenderen, den <i>kollektiven grob- und feinstofflichen K\u00f6rper <\/i>mit betrachten, der wir je nach Sichtweise entweder ebenfalls sind oder dem angeh\u00f6ren. Und dann nehmen wir noch die Dimension des reinen Bewusstseins hinzu, den <i>absoluten K\u00f6rper <\/i>oder Urgrund aller K\u00f6rper, wie ihn die \u00f6stliche Psychologie voraussetzt.<\/p>\n<p>In der westlichen Psychologie gibt es etliche Ans\u00e4tze, bei denen der grobstoffliche K\u00f6rper in die psychologische Arbeit einbezogen wird. Ferner gibt es Richtungen, wo man den (individuellen) feinstofflichen K\u00f6rper einbezieht, etwa in der Energiepsychologie, die sich auf die Existenz der Meridiane st\u00fctzt. Einige transpersonale Schulen der Psychologie bringen einen kollektiven grob- und feinstofflichen K\u00f6rper ins Spiel, der jeweils starke Auswirkungen auf unsere Psyche habe.<\/p>\n<p>Daneben findet man Ans\u00e4tze, die als weitere Instanz das <i>Bewusstsein <\/i>in die psychologische Arbeit einbinden. Dies ist bei fast allen Achtsamkeitsans\u00e4tzen auf die eine oder andere Weise der Fall.<\/p>\n<p>Meines Erachtens w\u00e4re es von daher am effektivsten, m\u00f6glichst viele K\u00f6rper einzubeziehen. Daneben gilt es simple Wege zu finden, um klinisch T\u00e4tigen unterschiedlichster Orientierung zu vermitteln, wie sie vorgehen k\u00f6nnen, um in ihrer Praxis eine st\u00e4rkere Verk\u00f6rperung der einzelnen K\u00f6rper oder Dimensionen zu unterst\u00fctzen, ohne etwas an der theoretischen Ausrichtung \u00e4ndern m\u00fcssen, an der sich ihre Arbeit mit Klienten orientiert und in der sie sich auskennen. Der Hauptfokus der Integralen Somatischen Psychotherapie oder ISP richtet sich darauf, einfache M\u00f6glichkeiten zu finden, wie der individuelle grobstoffliche K\u00f6rper in psychologische Arbeit welcher Form auch immer integriert werden kann. Und zwar unter Nutzung der verf\u00fcgbaren Erkenntnisse der neueren Forschung zur Physiologie der Emotionen, zur Selbstregulation und zur Integration des individuellen feinstofflichen K\u00f6rpers und seiner Schichten unter verschiedenen klinischen Rahmenbedingungen. Zum Beispiel &#8230;<\/p>\n<p><i>Serge Prengel: Lassen Sie mich nach diesen sehr komplexen Ausf\u00fchrungen vielleicht einmal kurz unterbrechen. <\/i><\/p>\n<p>Raja Selvam: Selbstverst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p><i>Serge Prengel: Wir sprechen hier also von der Integration oder Beachtung des K\u00f6rpers als Tor zum Umgang mit psychologischen Ph\u00e4nomenen. Ich m\u00f6chte noch einmal zur\u00fcckkommen auf den Punkt, wo sie vom K\u00f6rper sprachen und zwischen dem feinstofflichen K\u00f6rper und dem K\u00f6rper unterschieden, den wir im Alltagsverst\u00e4ndnis als unseren K\u00f6rper verstehen. Vielleicht k\u00f6nnen wir noch etwas l\u00e4nger bei diesem auf der Quantenebene angesiedelten feinstofflichen K\u00f6rper verweilen. <\/i><\/p>\n<p>Raja Selvam. Gut. Anders als im Allgemeinen von westlichen Wissenschaftlern und Psychologen angenommen, geht man in der \u00f6stlichen Psychologie davon aus, dass nicht nur der physische K\u00f6rper \u00fcber unsere Erfahrungen entscheidet. Da ist auch noch der feinstoffliche K\u00f6rper, und dieser hat enormen Einfluss auf sie. Man glaubt, dass wir den feinstofflichen K\u00f6rper von einem Leben zum n\u00e4chsten mitnehmen, aber dieser Punkt ist umstritten \u2013 was wollten wir messen, um zweifelsfrei zu beweisen, ob dies stimmt? Von einigen Seiten wird auf durchaus sehr glaubw\u00fcrdige Erkenntnisse aus der Erforschung der Reinkarnation verwiesen, die daf\u00fcr spr\u00e4chen. Aber die Frage, die sich aus der praktischen, der klinischen Perspektive stellt, lautet ja lediglich: Ist der feinstoffliche K\u00f6rper etwas, das bewusst wahrgenommen werden kann oder mit dem wir anderweitig arbeiten k\u00f6nnen, um Menschen anzuleiten, wie sie ganz gew\u00f6hnliche Probleme besser l\u00f6sen k\u00f6nnen? Und genau das hat man bei Ans\u00e4tzen der Energiepsychologie versucht.<\/p>\n<p>Weiter k\u00f6nnen wir fragen: Was ist der feinstoffliche K\u00f6rper eigentlich? Ist er ein K\u00f6rper, der aus Materie besteht? Nat\u00fcrlich ist er das, denn alles ist ja schlie\u00dflich Materie. Aber es handelt sich um eine feinstoffliche Materie, die auf der Ebene der Quantenph\u00e4nomene angesiedelt ist. Eine Materie, die Gegenstand der Teilchen- oder Quantenphysik ist. Wenn Menschen aus dem Osten von Chakren, von Meridianen oder von grob- und feinstofflichen Elementen und K\u00f6rpern reden, spiegelt sich darin ihr intuitives Verst\u00e4ndnis eines von ihnen wahrgenommenen K\u00f6rpers im Sinne der newtonschen Nichtquantenebene der Realit\u00e4t einerseits und eines K\u00f6rpers im Sinne der modernen Quantenebene andererseits. Sie differenzieren zwischen einem grobstofflichen K\u00f6rper, der aus grobstofflichen Elementen besteht und durch Kombination feinstofflicher Elemente zustande kommt, und einem feinstofflichen K\u00f6rper, der nur aus feinstofflichen oder Quantenelementen besteht. F\u00fcr unsere Zwecke ist es aber auch nicht weiter wichtig, ob wir es hier mit verschiedenen K\u00f6rpern zu tun haben oder nur mit verschiedenen Dimensionen ein- und desselben K\u00f6rpers. Hauptsache, wir k\u00f6nnen diese Modelle dazu benutzen, bislang unbeachtete Ph\u00e4nomene zu beobachten, ihre Verk\u00f6rperung zu unterst\u00fctzen und mit ihnen so zu arbeiten, dass unsere Arbeit und die Welt besser werden.<\/p>\n<p><i>Serge Prengel: Es geht hier also nicht darum, zu debattieren, ob dieser auf der Quantenebene angesiedelte feinstoffliche K\u00f6rper theoretisch existiert. Vielmehr sprechen wir davon, ihn zu erfahren und wahrzunehmen, um ihn sich zunutze zu machen? <\/i><\/p>\n<p>Raja Selvam: Genau. Das ist leichter getan als man glauben mag. Vorausgesetzt, wir wissen, wie wir Klienten auf das Ph\u00e4nomen aufmerksam machen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><i>Serge Prengel: Ach ja? <\/i><\/p>\n<p>Raja Selvam: Ja. Sagen wir etwa, jemand berichtet, unterhalb des Knies, also im Unterschenkel, absolut nichts wahrzunehmen.<\/p>\n<p><i>Serge Prengel: Ja? <\/i><\/p>\n<p>Raja Selvam: Wenn die Betreffenden dazu nicht in der Lage sind, k\u00f6nnen sie sich auch nicht tiefer in Gef\u00fchle hinein begeben. Umgekehrt k\u00f6nnen wir allerdings auch feststellen, dass der Unterschenkelbereich in dem Moment, wo sich jemand tiefer auf ein Gef\u00fchl einl\u00e4sst, offener ist und eher wahrgenommen wird. Und das Gef\u00fchl ist auch stabiler. Gleichzeitig kommt es zu einer Ver\u00e4nderung im physischen K\u00f6rper, was den Muskeltonus anbelangt. Aber wir stellen auch fest, dass die Energie in den Beinen, von der oft beschrieben wird, dass sie eine wasser- oder luftartige Qualit\u00e4t h\u00e4tte, besser flie\u00dfen kann. Und das w\u00e4re aus \u00f6stlicher Perspektive auch zu erwarten.<\/p>\n<p>Bei der Arbeit an Gef\u00fchlen, mit denen Klienten sich schwer tun, ist es sehr sinnvoll, eine \u00d6ffnung in die Beine hinein herzustellen. Die Energie, die vom Herzchakra her flie\u00dft, entscheidet \u00fcber unsere Gef\u00fchle uns selbst und anderen gegen\u00fcber. Diese Energie muss auch durch die Unterschenkel zirkulieren, damit die Gef\u00fchle tiefer erlebt werden k\u00f6nnen, leichter zu ertragen sind und sich ihr Sinn erschlie\u00dft. \u00dcbrigens hat die Unterschenkelmuskulatur nach der Bodynamic Analysis, einem d\u00e4nischen Psychotherapieansatz, der auf ausgiebiger empirischer Erforschung der psychologischen Funktionen verschiedener Muskeln basiert, auch damit zu tun, ob jemand in der Lage ist, beim Umgang mit den eigenen Gef\u00fchlen geerdet zu bleiben oder ob seine Beziehung zu ihnen allzu abstrakt bleibt.<\/p>\n<p><i>Serge Prengel: Wie geht man vor, um sicherzustellen, dass die Energie in die Beine hineinflie\u00dft? <\/i><\/p>\n<p>Raja Selvam: Dazu arbeiten wir mit dem physischen K\u00f6rper, der Muskulatur, den B\u00e4ndern und Knochen, und zwar durch Anleitung der Klienten zu einfachen Bewegungen, wie sie so ziemlich allen Klinikern gl\u00fccken d\u00fcrfte. Was hier helfen kann, ist die Lenkung der Wahrnehmung auf das Flie\u00dfen von Energie in den Beinen und der Auftrag, einmal auf Qualit\u00e4ten wie die von Wasser oder Luft zu achten. Sobald wir auf etwas achten, verst\u00e4rkt es sich im Allgemeinen. Ob es tats\u00e4chlich stimmt, dass sich hierin etwas zeigt, was feinstofflicher K\u00f6rper oder Energie oder was auch immer genannt wird, spielt \u00fcberhaupt keine Rolle. Was z\u00e4hlt, ist die Tatsache, dass es Klienten, wenn sie sich darauf einlassen, solche Ph\u00e4nomene zu verfolgen und zu unterst\u00fctzen, offenbar schnell viel besser geht.<\/p>\n<p><i>Serge Prengel: Hier m\u00f6chte ich Sie noch einmal ein wenig ausbremsen. Wenn ich Sie recht verstehe, bewirkt die Beachtung dieses feinstofflichen K\u00f6rpers unter anderem zum Beispiel, dass Emotionen, dass Gef\u00fchle besser flie\u00dfen. Diese Wahrnehmung aber vollzieht sich \u00fcber die physischen Gegebenheiten des K\u00f6rpers. Also k\u00f6nnte ein Au\u00dfenstehender, der das Ganze beobachtet, sagen, hier w\u00fcrden physische Vorg\u00e4nge im K\u00f6rper verfolgt, und <\/i>das <i>setze dann etwas in Gang. Aber das ist ja anscheinend nicht alles. Es geht ja offenbar nicht nur um den physischen K\u00f6rper, sondern darum, hierdurch irgendwie auch auf den feinstofflichen K\u00f6rper einzuwirken. <\/i><\/p>\n<p>Raja Selvam: Nun, die Antwort auf Ihre kluge Frage ist etwas komplizierter. In der \u00f6stlichen Psychologie ist der feinstoffliche K\u00f6rper letztlich Ursprung aller Erfahrungen und der Regulation im grobstofflichen K\u00f6rper. Nach dieser Logik m\u00fcssen wir, wenn wir mit dem grobstofflichen K\u00f6rper arbeiten und dort eine Ver\u00e4nderung ausl\u00f6sen, gleichzeitig auch den feinstofflichen K\u00f6rper in die Arbeit einbeziehen und auch in ihm eine Ver\u00e4nderung einleiten. Dem Gewahrsein steht es frei, sich mit den einzelnen K\u00f6rpern, die unser Dasein ausmachen mehr oder weniger zu identifizieren, da es der Urgrund der Existenz all unserer K\u00f6rper ist.<\/p>\n<p>Es gibt Menschen, die mit ihrer Wahrnehmung des feinstofflichen K\u00f6rpers arbeiten, um eine Ver\u00e4nderung im grobstofflichen K\u00f6rper herbeizuf\u00fchren. Aber weil wir dazu neigen, uns st\u00e4rker mit unserem physischen K\u00f6rper zu identifizieren, der im Osten der grobstoffliche K\u00f6rper genannt wird, ist es sinnvoller, bei unserer Arbeit zun\u00e4chst einmal damit anzufangen, dass wir <i>ihn <\/i>wahrnehmen. An irgendeinem Punkt wird es aber auch wichtig, die Bewegungen unseres feinstofflichen K\u00f6rpers nachzuvollziehen und auf sie einzugehen, um den positiven Nutzen abzugreifen, der damit verbunden sein mag.<\/p>\n<p>Einige halten dagegen, dass die F\u00e4higkeit, den Vorg\u00e4ngen im feinstofflichen K\u00f6rper nachzusp\u00fcren und mit ihnen zu arbeiten, gr\u00f6\u00dfere und schnellere Ver\u00e4nderungen mit sich bringen k\u00f6nne als das Nachsp\u00fcren im feinstofflichen K\u00f6rper und die Arbeit mit ihm. Die Qualit\u00e4ten des feinstofflichen K\u00f6rpers unterscheiden sich von denen des physischen K\u00f6rpers. Und wenn wir nicht auch auf diese Qualit\u00e4ten bedacht sind, beobachten wir am Ende nur die Empfindungen des grobstofflichen K\u00f6rpers \u00fcber das Gehirn. Allerdings m\u00fcssen wir hier anmerken: solange Leben im grobstofflichen K\u00f6rper ist, ist es f\u00fcr die meisten Menschen so gut wie unm\u00f6glich, die Wahrnehmung des feinstofflichen K\u00f6rpers so eindeutig von der des physischen K\u00f6rpers zu trennen, es sei denn bei so seltenen Erfahrungen wie Nahtoderlebnissen oder au\u00dferk\u00f6rperlichen Erfahrungen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-932 aligncenter\" src=\"https:\/\/integralsomaticpsychology.com\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/ISP-Blog-Raja-Selvam-Somatic-Perspectives-2.jpg\" alt=\"ISP Blog Raja Selvam Somatic Perspectives Client\" width=\"750\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/integralsomaticpsychology.com\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/ISP-Blog-Raja-Selvam-Somatic-Perspectives-2.jpg 750w, https:\/\/integralsomaticpsychology.com\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/ISP-Blog-Raja-Selvam-Somatic-Perspectives-2-600x240.jpg 600w, https:\/\/integralsomaticpsychology.com\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/ISP-Blog-Raja-Selvam-Somatic-Perspectives-2-300x120.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 750px) 100vw, 750px\" \/><\/p>\n<p><i>Serge Prengel: Interessant. <\/i><\/p>\n<p>Raja Selvam: In der Tat. Um darauf noch weiter einzugehen: Wenn wir psychotherapeutisch arbeiten, stehen die Gef\u00fchle ja oft an erster Stelle. Die althergebrachte Sichtweise in Psychologenkreisen besagt, dass weitgehend alle pathologischen Ph\u00e4nomene darauf zur\u00fcckgehen, dass jemand nicht in der Lage ist, bestimmte Zust\u00e4nde \u2013 oft affektiver Natur \u2013 zu f\u00fchlen und auszuhalten. Affektive Befindlichkeiten sind komplexe Sinneswahrnehmungen in dem, was wir den physischen K\u00f6rper nennen und was im Osten als der grobstoffliche K\u00f6rper bezeichnet wird. Daneben haben wir es dabei mit komplexen energetischen Zust\u00e4nden auf der Ebene des feinstofflichen K\u00f6rpers zu tun. Und die Interaktion zwischen diesen beiden ist das, was ein Gef\u00fchl oder einen Affekt hervorruft. Es handelt sich um eine komplexe, auf vielen Ebenen ablaufende und interaktive Erfahrung, bei der mindestens zwei K\u00f6rper beteiligt sind.<\/p>\n<p>Wenn Menschen affektive Zust\u00e4nde mit Hilfe von Wahrnehmungsstrategien zu regulieren suchen, bei denen nur beobachtet wird, was sie auf der Ebene des grobstofflichen K\u00f6rpers sp\u00fcren, sehen sie oft den Wald vor B\u00e4umen nicht. Das ist einer der Schwachpunkte bei Ans\u00e4tzen, die auf dem Beobachten der eigenen Sinneswahrnehmungen basieren, so wertvoll jeder dieser Zug\u00e4nge in Verbindung mit bestimmten Zwecken auch sein mag. Wenn wir unsere psychischen Erfahrungen sinnvoller beobachten und regulieren wollen, m\u00fcssen wir an unserer F\u00e4higkeit arbeiten, mehr und mehr Systeme oder K\u00f6rper samt ihren Interaktionen sowie immer komplexere Erfahrungen gleichzeitig zu im Blick zu behalten, ohne sie in allzu minuti\u00f6se Wahrnehmungen oder Energien aufzuspalten.<\/p>\n<p><i>Serge Prengel: Richtig, genau. Wenn man sich also ganz darauf konzentriert, Sinneswahrnehmungen nachzusp\u00fcren, k\u00f6nnte man am Ende den Wald vor B\u00e4umen nicht sehen. Wie sieht das also in der Praxis aus, in einer Sitzung? Wie stellt man es an, tats\u00e4chlich diesen komplexeren Strom von Erfahrungen zu verfolgen? <\/i><\/p>\n<p>Raja Selvam: Die F\u00e4higkeit, Einzelempfindungen nachzusp\u00fcren, ist schon einmal ein wichtiger Schritt. Dabei lernt man sozusagen das Einmaleins der K\u00f6rpersprache. Dinge wie Hitze oder K\u00e4lte, Kontraktion oder Expansion in bestimmten K\u00f6rperregionen. Allein schon solche einfachen Sinneswahrnehmungen zu sp\u00fcren, wird \u00fcber die afferenten und efferenten Bahnen des autonomen und somatischen Nervensystems eine bessere Feedback-Schleife zwischen Gehirn und K\u00f6rper herstellen, was wiederum die Regulierung des K\u00f6rpers verbessert. Das wiederum kann helfen, emotionale Erfahrungen besser zu reguliere.<\/p>\n<p>Wenn ich zum Beispiel Trauer oder Angst empfinde und gleichzeitig darauf achte, wo im K\u00f6rper diese Gef\u00fchle gerade sitzen und wie sie sich dort anf\u00fchlen, kann das helfen, gleichzeitig die emotionalen Erfahrungen und den K\u00f6rper zu regulieren. Wenn es uns gelingt, verschiedene Teile des K\u00f6rpers detailliert zu sp\u00fcren, alles, was wir dort wahrnehmen, schafft das zwar die Voraussetzung daf\u00fcr, komplexere emotionale Ph\u00e4nomene wie etwa Liebe und Entt\u00e4uschung hervorzubringen, zu sp\u00fcren und zu regulieren. Bei Menschen aber, die sich angew\u00f6hnt haben, in allen erdenklichen Situationen nachzusp\u00fcren, was in ihrem K\u00f6rper vor sich geht, k\u00f6nnen sozusagen in die Geiselhaft eines Gehirns geraten, das unterschiedslos die kleinsten<\/p>\n<p>Empfindungen oder Bewegungen konstatiert [ohne zu fragen, inwieweit diese wichtig sind, Anm. d. \u00dcbers.]. Von daher frage ich Menschen, die ohnehin st\u00e4ndig in ihrem K\u00f6rper hineinsp\u00fcren, in einer Sitzung zun\u00e4chst einmal nicht, was sie dort wahrnehmen, weil sie sich sonst darin verlieren, Hitze oder K\u00e4lte, Enge oder Weite, Kribbeln und \u00e4hnliches zu beobachten. Stattdessen erkunde ich erst einmal, was psychisch in ihnen vorgeht \u2013 den Wald, wenn man so will. Ich versuche etwas zu ermitteln, das gerade psychisch von Bedeutung ist. Wenn sich das emotionale Erleben nicht auch im Gesicht spiegelt oder wenn nicht davon berichtet wird, erkunde ich mit dem Klienten, welche Gef\u00fchle man in einer solchen Lage erwarten k\u00f6nnte. Dann lasse ich diese Gef\u00fchle oder sonstigen Zust\u00e4nde im K\u00f6rper wahrnehmen \u2013 wo sie erlebt werden und wie, ohne feinere Details zu erfragen.<\/p>\n<p>Um eines klarzustellen: die ganzen Ans\u00e4tze, bei denen es darum geht, Empfindungen und Bewegungen nachzusp\u00fcren \u2013 etwa Vipasana, Focusing, Continuum oder Authentic Movement \u2013 sind wunderbare Systeme, von denen man in vieler Hinsicht profitieren kann. Aus diesem Grund sind sie ja auch heute noch popul\u00e4r und haben nichts von ihrer Relevanz eingeb\u00fc\u00dft. Man muss nur kritisch pr\u00fcfen, ob es sinnvoll ist, sie zur psychischen oder sogar physiologischen Regulation einzusetzen, indem man Klarheit \u00fcber ihre Vor- und Nachteile, ihre St\u00e4rken und Schw\u00e4chen gewinnt.<\/p>\n<p><i>Serge Prengel: Verstehe. <\/i><\/p>\n<p>Raja Selvam: Und je intensiver das Gef\u00fchl \u2013 das wissen wir aufgrund der Arbeit der Molekularwissenschaftlerin <a href=\"http:\/\/candacepert.com\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Candace Pert<\/a>, die f\u00fcr ihre Entdeckung der Opiatrezeptoren im Gehirn beinahe den Nobelpreis erhalten h\u00e4tte \u2013 desto mehr ergie\u00dft sich eine Kaskade emotionaler Erfahrungen in Sekundenschnelle durch s\u00e4mtliche K\u00f6rperzellen beziehungsweise wirkt auf sie ein. Je intensiver die Erfahrung, desto gr\u00f6\u00dfer ihre Wirkung auf den gesamten Organismus. In der Therapie berichten Klienten oft von Gef\u00fchlen im Herzen und oberhalb des Zwerchfells, und der Ausdruck dieser Gef\u00fchle erfolgt \u00fcber die Kopf-, Hals-\/Nacken- und Gesichtsregion. Nur allzu oft bleibt sowohl die Erfahrung einer Emotion als auch ihr Ausdruck irgendwo oberhalb des Zwerchfells stecken. Und eine M\u00f6glichkeit, mit dem erlebten Gef\u00fchlszustand zu arbeiten, ihn \u00fcberhaupt hervorzurufen, ihn umfassender zu sp\u00fcren und sogar in sich halten zu k\u00f6nnen, besteht darin, \u00fcber Wahrnehmung, Bewegung, Atmung oder Selbstber\u00fchrung den gesamten K\u00f6rper m\u00f6glichst weit in unterschiedliche Richtungen zu \u00f6ffnen. Wenn wir das tun, k\u00f6nnen wir das Gef\u00fchl umfassender erfahren. Wir sind eher in der Lage, ihm Raum zu geben und sp\u00fcren koh\u00e4renter seine Bedeutung. Wenn die Region unterhalb des Zwerchfells nicht mit erfasst wird, ist es sehr schwer, an die unbewussten Wurzeln von Gef\u00fchlen heranzukommen.<\/p>\n<p>In der \u00f6stlichen Psychologie sagt man, dass das zweite Chakra mit dem Element Wasser zusammenh\u00e4ngt und dass es das Tor zum Unbewussten und zu unserer Kreativit\u00e4t sei. Wenn Emotionen nur in der Herzgegend oberhalb des Zwerchfells gesp\u00fcrt werden, tun sich die Betreffenden oft sehr schwer mit ihnen, da sich ihre gesamte Energie in einem sehr begrenzten Bereich ihres grob- und feinstofflichen K\u00f6rpers konzentriert, ohne dass die Energie des Herzchakras auch unterhalb des Zwerchfells zirkulieren kann. Au\u00dferdem verhindert die fehlende Anbindung an die Energie des zweiten Chakras im Beckenraum und das nicht stattfindende Zirkulieren durch die unteren K\u00f6rperregionen ein volleres Erleben der Gef\u00fchle, sie verhindert, dass sich ihre unbewussten Urspr\u00fcnge und nicht ganz so offenkundige kreative L\u00f6sungen f\u00fcr ihre Aufl\u00f6sung erschlie\u00dfen. Was bleibt, ist ein Prozess, der wie ein Pingpongball immer wieder zwischen dem Gehirn und dem Oberk\u00f6rper oberhalb des Zwerchfells hin und her wechselt, ein langatmiger Prozess mit Assoziationen \u00fcber Assoziationen, der nicht wirklich tief in die relevanten Gef\u00fchle sowie die Muster und Beweggr\u00fcnde eintaucht, die diesen zugrunde liegen.<\/p>\n<p><i>Serge Prengel: Das ist ja alles hoch interessant. Aber ich werde auch hier wieder einmal einen Gang zur\u00fcckschalten, um nochmals auf einen Punkt zur\u00fcckzukommen, den Sie vorhin angesprochen haben. Ich m\u00f6chte da etwas kl\u00e4ren. Wenn ich sie recht verstehe, fangen sie nicht mit dem an, was im K\u00f6rper gesp\u00fcrt wird, sondern bei etwas Umfassenderem, etwa einem Gef\u00fchl? <\/i><\/p>\n<p>Raja Selvam: Ja, beim Erleben.<\/p>\n<p><i>Serge Prengel: Beim Erleben? <\/i><\/p>\n<p>Raja Selvam: Beim psychischen Erleben und dabei, wo im K\u00f6rper es wahrgenommen wird beziehungsweise wie es sich auf den K\u00f6rper auswirkt. Ein Gef\u00fchl etwa oder der Impuls, etwas zu tun oder nicht zu tun.<\/p>\n<p><i>Serge Prengel: Und dann? <\/i><\/p>\n<p>Raja Selvam: Und wohin im K\u00f6rper diese Erfahrung nicht vordringt und warum.<\/p>\n<p><i>Serge Prengel: Statt bei dem anzufangen, was im K\u00f6rper gesp\u00fcrt wird, da man sonst wom\u00f6glich den Wald vor B\u00e4umen nicht sieht? <\/i><\/p>\n<p>Raja Selvam: Ja, genau dazu k\u00f6nnte es n\u00e4mlich f\u00fchren. Vor allem bei Menschen, die besonders gut darin sind im K\u00f6rperwahrnehmen und sich darin verlieren, ohne das Gesp\u00fcrte in einen umfassenderen und psychologisch sinnvollen Erfahrungskontext einzuordnen. Nun kann es allerdings auch sein, dass in dem Moment, wo differenziert in den K\u00f6rper hineingesp\u00fcrt wird, eine Feedback-Schleife zwischen Gehirn und K\u00f6rper in Gang kommt, die jene Ausdehnung im physischen und feinstofflichen K\u00f6rper erlaubt, die zuvor zur\u00fcckgehaltene Aspekt des Erlebens zum Vorschein kommen l\u00e4sst oder \u00fcberhaupt erst erzeugt. Aber es ist nicht garantiert, dass das geschieht. Es h\u00e4ngt davon ab, ob die Person aus diesen Erfahrungen \u2013 eigenst\u00e4ndig oder mit Hilfe anderer \u2013 einen Sinn ableiten und sie entsprechend deuten kann. Inwieweit jemand hierzu in der Lage ist, h\u00e4ngt stark davon ab, ob er in seiner Vergangenheit von anderer Seite Unterst\u00fctzung erfahren hat, wenn es darum ging, Erfahrungen zu generieren und zu interpretieren. Sind die Betreffenden dazu nicht in der Lage und nur gut im Verfolgen k\u00f6rperlicher Wahrnehmungen und Bewegungen sowie darin, Energie nachzusp\u00fcren, k\u00f6nnte ein solcher Prozess einfach nur bewirken, dass ihr K\u00f6rper soweit herunterreguliert wird, dass er wieder ruhiger ist oder ein gewohntes Gleichgewicht erreicht, ohne dass eine nennenswerte psychologische Transformation stattfindet oder es viel bewirkt.<\/p>\n<p><i>Serge Prengel: Verstehe. <\/i><\/p>\n<p>Raja Selvam: Ich gebe Ihnen einmal ein Beispiel. Ich habe schon Klienten gehabt, die sich jahrelang darin ge\u00fcbt hatten, k\u00f6rperlichen Empfindungen nachzusp\u00fcren und die nun wegen Angstsymptomen an mich herantraten. Wenn Angstzust\u00e4nde auf Furcht oder der Furcht vor etwas basieren, f\u00fcr das es in der aktuellen Realit\u00e4t keinen Anlass gibt, gilt es die Angst m\u00f6glichst umfassend zu sp\u00fcren, auszuhalten und in sich pr\u00e4sent sein lassen, bis sie wieder abnimmt, ohne dass sie an einer \u00e4u\u00dferen Ursache im heutigen Leben der Betreffenden festgemacht wird. Klienten werden soweit Zugang zu ihrer Angst haben und sie bew\u00e4ltigen, wie sie sich von Ihnen darin unterst\u00fctzt f\u00fchlen. Zudem h\u00e4ngt es von dem Umfang ab, in dem der grob- und der feinstoffliche K\u00f6rper ausgedehnt werden kann, damit die Angst in ihm Platz hat.<\/p>\n<p>Sobald die Betreffenden jedoch von mir angeleitet ein Gesp\u00fcr daf\u00fcr entwickelt hatten, wo im K\u00f6rper die Angst sa\u00df, gingen sie schnell dazu \u00fcber, ihre Aufmerksamkeit wie gewohnt schnell wieder auf Empfindungen wie Kribbeln, W\u00e4rme und so weiter zu lenken. Dabei entfernten sie sich von der psychischen Situation und von ihren Gef\u00fchlen, bei denen es sich letztlich um h\u00f6chst komplexe Spektren an k\u00f6rperlichen Empfindungen in unterschiedlichsten K\u00f6rpersystemen handelt. Auf diese Weise hatten sie nicht komplexere Empfindungen im Blick und entwickelten keine Kapazit\u00e4t f\u00fcr sie. Sie hatten einfach nur gelernt, sinnvolle Erfahrungen zu verw\u00e4ssern, indem sie Mikro-Empfindungen und -Bewegungen verfolgten.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund habe ich im Laufe der Zeit gelernt, in meinen Trainings nur dann nach K\u00f6rperwahrnehmungen zu fragen, wenn es darum geht, den K\u00f6rper zu \u00f6ffnen oder einen Zugang zu ihm zu finden, damit man den Erfahrungen in ihm auf die Spur kommt, die psychologisch nachvollziehbar sind. Wer sich f\u00fcr die Teilnahme an meinen ISP-Ausbildungen bewerben will, muss praktische klinische Erfahrung mitbringen und schon lange psychologisch t\u00e4tig sein. Au\u00dferdem Voraussetzung ist ein ausreichendes Wissen \u00fcber den K\u00f6rper, sei es durch Somatic Experiencing<sup>\u00ae<\/sup> (<a href=\"http:\/\/www.traumahealing.org\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">SE\u2122<\/a>), <a href=\"https:\/\/www.sensorimotorpsychotherapy.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Sensorimotor Psychotherapy<sup>\u00ae<\/sup><\/a>, <a href=\"http:\/\/www.bioenergetic-therapy.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Bioenergetik<\/a>&nbsp;oder eine Ausbildung oder Praxis in irgendeiner Form von K\u00f6rperarbeit oder K\u00f6rperwahrnehmung. Die Betreffenden sollen den eigenen K\u00f6rper gut kennen, so dass es ihnen vertraut ist, in ihn hineinzusp\u00fcren und zumindest in einigen Regionen, wenn nicht sogar umfassend, wahrzunehmen, was in ihm vorgeht.<\/p>\n<p><i>Serge Prengel: Ah ja. <\/i><\/p>\n<p>Raja Selvam: Nehmen wir ein konkretes Beispiel: Trauer. Ich frage dann: &#8220;Wo ist die Trauer denn alles in Ihrem K\u00f6rper? Und wo ist sie nicht? Vielleicht legen Sie sich einmal die Hand auf die Stelle, an der Sie, wie Sie sagen, kaum auszuhalten ist (oder wo sie nicht pr\u00e4sent ist), damit diese Region sich mehr \u00f6ffnen kann (beziehungsweise damit die Wahrnehmung auf diesen Teil des K\u00f6rpers ausgedehnt werden kann).&#8221; Wenn die Trauer nicht bis unterhalb des Zwerchfells reicht: &#8220;Schauen wir einmal, ob wir das Zwerchfell \u00f6ffnen k\u00f6nnen, damit das, was Sie gerade durchleben, auch von der unteren H\u00e4lfte Ihres K\u00f6rpers mitgetragen werden kann.&#8221; Oder: &#8220;Wie w\u00e4re es, wenn Sie etwas den Kopf bewegen w\u00fcrden, damit die Trauer auch in Ihr Gesicht treten kann? Und dann bewegen Sie Ihre Arme (oder nehmen bewusst auch Ihre Arme wahr), damit sie in das, was Sie erleben, mit einbezogen sind.&#8221; &#8220;Vielleicht legen Sie einmal eine Hand auf Ihr Herz und die andere hinten auf die Niere oder bewegen den unteren Teil der Beine, so dass die Energie aus Ihrem Herzchakra leichter durch Ihren K\u00f6rper str\u00f6men kann. Sie werden die Trauer dann umfassender erleben, sie aber gleichzeitig auch eher in sich halten k\u00f6nnen.&#8221;<\/p>\n<p>Auf diese Weise leite ich dazu an, Vorg\u00e4nge im eigenen K\u00f6rper zu verfolgen, die angesichts des stattfindenden emotionalen Erlebens nachvollziebar sind, statt einfach isoliert und zweckfrei K\u00f6rperwahrnehmungen zu beobachten. Gleichzeitig lenke ich dabei die Expansion des physischen K\u00f6rpers in Richtungen, in die eine Ausdehnung sinnvoll ist, um die Selbstregulierung im physischen K\u00f6rper zu erh\u00f6hen und daf\u00fcr zu sorgen, dass besser auf die Energien des feinstofflichen K\u00f6rpers zugegriffen werden kann.<\/p>\n<p><i>Serge Prengel: Sie sprechen also von der Gesamtheit des Erlebten und sch\u00fcren von diesem Ausgangspunkt aus die Neugier, wo die Betreffenden diese Erfahrung wahrnehmen und wo nicht. Und das ist der Kontext, in den das Hineinsp\u00fcren in den K\u00f6rper hier eingebettet ist. <\/i><\/p>\n<p>Raja Selvam: Ja. Und dann geht es darum, zu wissen, wie wir Klienten helfen k\u00f6nnen, so in die einzelnen K\u00f6rper \u2013 den grobstofflichen und den feinstofflichen \u2013 hineinzusp\u00fcren und so mit ihnen zu arbeiten, dass sie m\u00f6glichst offen und miteinander verbunden sind, damit sie die neu entstehende Erfahrung mittragen, die an einem bestimmten Punkt entspringt. Der grobstoffliche K\u00f6rper besteht aus verschiedenen Schichten, die unter dem Ansturm \u00fcberw\u00e4ltigender Erfahrungen &#8220;dicht machen&#8221; k\u00f6nnen. Das Gewebe der Muskeln, der Organe und des Zentralnervensystems zieht sich allesamt bei schwierigen Erfahrungen zusammen. Hier muss man wissen, wie man Klienten anleiten kann, die verschiedenen Schichten des physischen K\u00f6rpers zu \u00f6ffnen und wie sich der Austausch zwischen seinen verschiedenen Schichten erleichtern l\u00e4sst, so dass die Dysregulation auf ein Minimum beschr\u00e4nkt werden kann und gleichzeitig Unterst\u00fctzung bei einer dysregulierenden Erfahrung wie etwa Angst geboten wird.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus muss man wissen, wie Klienten dabei begleitet werden k\u00f6nnen, verschiedene Schichten des feinstofflichen K\u00f6rper in ihrer Beziehung zueinander wahrzunehmen und mit ihnen zu arbeiten. Und wie man sicherstellt, dass die Energien des feinstofflichen K\u00f6rpers m\u00f6glichst umfassend mit denen des Grobstofflichen K\u00f6rpers in Interaktion sind.<\/p>\n<p>Der <a href=\"http:\/\/www.polaritytherapy.org\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Polarity-Therapie<\/a>&nbsp;zufolge k\u00f6nnen unterschiedliche Zonen des physischen K\u00f6rpers, die sich kontrahiert haben, den Energiefluss verschiedener Elemente des feinstofflichen K\u00f6rpers aus verschiedenen Chakren davon abhalten, durch den physischen K\u00f6rper zu wandern und so eine umfassendere Manifestation unumg\u00e4nglicher Lebenserfahrungen verhindern. So zum Beispiel wird die Herzchakraenergie nicht durch den K\u00f6rper flie\u00dfen, wenn die Dickdarm-, Nieren- und Unterschenkelregion auf irgendeine Weise blockiert ist. Wenn wir uns also bei der Arbeit mit einer \u00fcberw\u00e4ltigend heftigen Trauer in der Brust besch\u00e4ftigen, befassen wir uns zun\u00e4chst einmal mit den Schichten des physischen K\u00f6rpers selbst. Wir arbeiten am Brustraum (indem wir die Wahrnehmung dorthin lenken, mit Selbstber\u00fchrung des Klienten und vielleicht auch noch \u00fcber die Atmung), um die Region offen f\u00fcr die Erfahrung zu halten und die dortige Dysregulation zu minimieren. Wir beziehen die Arme, das Gesicht und die Hals- und Nackenregion in die Arbeit mit ein (durch Wahrnehmen, Bewegen oder Selbstber\u00fchrung), damit das, was der Klient oder die Klientin erlebt, sich auch in diese Bereiche hinein ausdehnen kann, um so die Dysregulation oder \u00fcberm\u00e4\u00dfige Belastung im Brustbereich m\u00f6glichst gering zu halten. Das wird m\u00f6glich, sobald diese benachbarten Regionen \u2013 Brust, Kopf und Arme \u2013 offener und aufgrund einer verbesserten Durchblutung und Reizweiterleitung im Nervensystem besser miteinander verbunden sind. Der physische K\u00f6rper ist dann nicht nur weniger dysreguliert, sondern auch in einer besseren Ausgangsposition, um eine schmerzhafte Erfahrung wie etwa Trauer aufkommen zu lassen, mit anderen zu teilen und in sich halten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem befassen wir uns bei der Arbeit durch Wahrnehmen, Bewegen oder Selbstber\u00fchren mit dem Dickdarm-, Nieren- und Unterschenkelbereich, wo Blockaden im Fluss der Energie des feinstofflichen K\u00f6rpers vom Herzchakra her verhindern k\u00f6nnen, dass diese durch den grobstofflichen K\u00f6rper str\u00f6men kann. Wenn wir das tun, k\u00f6nnen wir feststellen, dass Klienten besser in der Lage sind, sich tief auf ihre Gef\u00fchle \u2013 etwa auf Trauer \u2013 einzulassen. Au\u00dferdem bleiben sie dabei k\u00f6rperlich und emotional besser reguliert.<\/p>\n<p>Die \u00f6stliche Psychologie, auf der auch die Polarity-Therapie aufbaut, geht von der Theorie aus, dass physiologische und psychische Erfahrungen und Regulation letztlich dem feinstofflichen K\u00f6rper entspringen. So betrachtet, sind diese positiven Wirkungen absehbar. Die Psychologie des Westens dagegen geht von der Annahme aus, dass alle psychischen und physiologischen Erfahrungen und die gesamte Regulation vom Gehirn ausgehen. Damit verkennt sie eine bedeutende Quelle von Erfahrungen und Regulation, die von einer h\u00f6heren Instanz in der menschlichen Psyche kommt. Mit der Integralen Somatischen Psychotherapie, dem ISP-Ansatz, bringe ich die Vorz\u00fcge beider Sichtweisen zusammen, um die Wirksamkeit von Behandlungen zu maximieren.<\/p>\n<p>Den K\u00f6rper zu \u00f6ffnen und zu beachten, wie psychologische Erfahrungen sich in ihm niederschlagen, kann heftige Erfahrungen mit sich bringen. Wir k\u00f6nnen ihn aber so \u00f6ffnen, dass er besser reguliert beziehungsweise weniger dysreguliert ist, wenn Unangenehmes durchlebt wird, indem wir daf\u00fcr sorgen, dass die Schichten des physischen K\u00f6rpers (einschlie\u00dflich des Gehirns) offener und regulierter sind und miteinander kommunizieren. Wir k\u00f6nnen die Schichten des feinstofflichen K\u00f6rpers so \u00f6ffnen, dass ein ungehinderter Fluss m\u00f6glich wird, sie in einem ausgewogeneren Verh\u00e4ltnis stehen und ihre Interaktion mit dem physischen K\u00f6rper besser funktioniert. Es steckt also eine gewisse Theorie und Logik dahinter, in welche Richtungen wir den physischen K\u00f6rper bei der psychologischen Arbeit ausdehnen.<\/p>\n<p>Wenn wir klug an diese Aufgabe herangehen und uns bei der Arbeit mit dem physischen oder grobstofflichen K\u00f6rper wissenschaftliche Erkenntnisse zur Selbstregulation und zu den physiologischen Grundlagen menschlicher Erfahrungen zunutze machen (und daneben Wissen aus der \u00f6stlichen Psychologie, um mit dem feinstofflichen K\u00f6rper zu arbeiten), stellt sich vielleicht heraus, dass die schwierige Erfahrung so paradoxer Weise weniger schwer zu verarbeiten ist. Damit reduziert sich der bewusste und unbewusste Widerstand, den wir alle gegen unangenehme Erfahrungen haben. Wir k\u00f6nnen schwierige Erfahrungen ablaufen lassen und sie in dem Moment und dann aufl\u00f6sen, wenn sie sich zeigen. ohne in der Vergangenheit stecken zu bleiben und uns st\u00e4ndig vor ihrem erneuten Auftauchen zu sch\u00fctzen und deshalb psychosomatische oder psychophysiologische Symptome wie etwa chronische Ersch\u00f6pfung oder eine Fibromyalgie zu entwickeln.<\/p>\n<p>Bei den ISP-Ausbildungen wird die pers\u00f6nliche Erfahrungsebene betont, da Menschen, die bereits mit dem K\u00f6rper vertraut sind, sich von vertrauten und f\u00fcr sie gewohnten Wege, in ihren K\u00f6rper hineinzusp\u00fcren und mit ihm zu arbeiten, erst einmal l\u00f6sen lernen m\u00fcssen, um wirklich zu erleben, was hieran anders ist. In einem Training neulich berichteten drei Gruppenmitglieder, die schon seit langem Fibromyalgie gehabt hatten, von einer Aufl\u00f6sung ihrer Symptome, als sie an der psychologischen Regulierung einer schwierigen Erfahrung arbeiteten und gleichzeitig auf Verf\u00fcgbarkeit und Regulation des grob- und feinstofflichen K\u00f6rpers bedacht waren.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich wird man sich ansehen m\u00fcssen, ob sie langfristig symptomfrei bleiben, um hier einen Zusammenhang behaupten zu k\u00f6nnen. Und doch ist das, was in diesem Kurs geschah, ein Hoffnungszeichen. Au\u00dferdem wird mir schon nach einer einzigen Sitzung so oft zugetragen, wie langfristige Symptome \u2013 etwa Migr\u00e4ne oder Asthma \u2013 sich danach auf bemerkenswerte Weise in Nichts aufl\u00f6sten, dass es mich auch nicht mehr erstaunt, das zu h\u00f6ren. Psychologische Regulation, Regulation des grobstofflichen K\u00f6rpers und Regulation des feinstofflichen K\u00f6rpers sind die drei S\u00e4ulen der Integralen Somatischen Psychotherapie (ISP). Erfolgt alles gleichzeitig und aufeinander bezogen, sind derartige Erfolge meiner Erfahrung nach durchaus m\u00f6glich.<\/p>\n<p><i>Serge Prengel: Sie beschreiben also, wie Energie in bestimmten Bereichen stecken bleiben kann und so psychische wie auch physiologische Prozesse hemmt. Sie erkl\u00e4ren, wie man mit der Energie so arbeiten kann, dass sie wieder in Fluss kommt, und wie dieses In-Fluss-Sein psychisch wie auch physiologisch mehr Regulation erm\u00f6glicht. Und dass man, um diesen Prozess gut unterst\u00fctzen zu k\u00f6nnen, eine Landkarte braucht, die einem sagt, wo die einzelnen Regelkreise angesiedelt sind, in welche Richtungen und wohin die Energie flie\u00dfen muss und was es zu tun gilt, um dies zu erleichtern. <\/i><\/p>\n<p>Raja Selvam: Ja, genau. Und gleichzeitig maximieren wir im physischen K\u00f6rper selbst die physiologische und psychische Regulation. Dabei orientieren wir uns an wissenschaftlichen Erkenntnissen aus der Neurophysiologie der Selbstregulation, der Physiologie der Emotionen, der Beziehungen und anderer psychischer Erfahrungen. Die angewandte Methode muss einfach genug sein, sonst w\u00e4re sie f\u00fcr Psychotherapeuten unterschiedlichster Richtungen nicht ohne weiteres zu verstehen. Und sie muss so pr\u00e4sentiert werden, dass sie sich problemlos in die unterschiedlichen therapeutischen Bezugsrahmen und Ausrichtungen integrieren l\u00e4sst.<\/p>\n<p><i>Serge Prengel: Verstehe. <\/i><\/p>\n<p>Raja: Erfahrene Kliniker mit den unterschiedlichsten Schwerpunkten k\u00f6nnen diesen Ansatz also in ihre Praxis integrieren, um ihren Klienten zu mehr Verk\u00f6rperung zu verhelfen. Um es noch einmal zu sagen: wir sprechen hier nicht nur davon, wie sich der feinstoffliche K\u00f6rper dazu einsetzen l\u00e4sst, bessere Resultate zu erzielen. Wir sprechen auch davon, mit dem feinstofflichen K\u00f6rper zu arbeiten und seiner Verbindung mit dem physischen K\u00f6rper. Und \u00fcber die M\u00f6glichkeiten der Arbeit mit dem physischen K\u00f6rper selbst. Je mehr wir den Fluss im autonomen Nervensystem in beide Richtungen unterst\u00fctzen k\u00f6nnen, damit die Informationen von der Region, die an das autonome Nervensystem angeschlossen ist \u2013 den Organen, Dr\u00fcsen und Blutgef\u00e4\u00dfen \u2013 zum Gehirn gelangen und umgekehrt die Informationen vom Gehirn dorthin, desto besser kann das Gehirn diese Regionen regulieren. Und nicht nur das: es kann sie zudem auch besser dazu nutzen, psychische Erfahrungen hervorzurufen und diese zu regulieren. Je mehr wir die Informationsweiterleitung \u00fcber die afferenten und efferenten Bahnen des somatischen Nervensystems unterst\u00fctzen k\u00f6nnen, desto besser kann das Gehirn die Muskeln regulieren und dazu nutzen, psychische Erfahrungen zu erzeugen und zu regulieren.<\/p>\n<p>Wie wir hier also im physischen K\u00f6rper selbst verfahren, von seiner Unterteilung in drei Schichten ausgehend, ist eine vereinfachte Sicht der Dinge und kam sehr effektiv zum Einsatz, als es darum ging, indischen \u00dcberlebenden des Tsunami 2004 zu helfen. Die hierbei gewonnenen Erkenntnisse haben wir 2008 in der viel zitierten Trauma-Fachzeitschrift <em><a href=\"http:\/\/www.apa.org\/pubs\/journals\/trm\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Traumatology<\/a><\/em><i>&nbsp;<\/i>ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p><i>Serge Prengel: Ja. <\/i><\/p>\n<p>Raja: Derzeit f\u00fchren wir ein mehrj\u00e4hriges Projekt in Sri Lanka durch. Wir sind dabei involviert, 160 Beratungskr\u00e4fte im ehemaligen Kriegsgebiet im Norden Sri Lankas daf\u00fcr auszubilden, symptomatische Menschen zu behandeln, die posttraumatische Belastungsst\u00f6rungen infolge von Traumen durch Krieg, Verlust, Gewalt und Vertreibung aufweisen. Der drei\u00dfigj\u00e4hrige B\u00fcrgerkrieg dort ist erst wenige Jahre vorbei. Wir verwenden dort ganz einfache Orientierungshilfen. Hier geht es nicht unbedingt darum, mit dem feinstofflichen K\u00f6rper zu arbeiten, sondern eher um den physischen K\u00f6rper: wie man die einzelnen Schichten des physiologischen Systems \u00f6ffnet und wie sich Durchblutung und Reizweiterleitung \u00fcber das Nervensystem durch die verschiedenen K\u00f6rperschichten hindurch verbessern lassen, w\u00e4hrend wir die schrecklichen Erfahrungen bearbeiten, die die Betreffenden erlebt haben.<\/p>\n<p>Was wir immer wieder feststellen, das ist, dass sich diese grauenvollen Erlebnisse vor Augen zu f\u00fchren, sich ihnen auszusetzen und mit ihnen zu arbeiten, bei diesem Vorgehen besser funktioniert als bei Beratungsans\u00e4tzen, die die Betreuungskr\u00e4fte bislang erlernt hatten.<\/p>\n<p><i>Serge Prengel: Ja, den Fluss durch die Schichten des physischen K\u00f6rpers hindurch wiederherzustellen, ist eine T\u00fcr, die ja oft nutzen. <\/i><\/p>\n<p>Raja Selvam: Ja. Beziehungsweise <i>eine <\/i>der T\u00fcren, wenn Sie so wollen. Es so auszudr\u00fccken, kann die westliche Psychotherapie mit ihrem Wissenschaftlichkeitsanspruch eher akzeptieren. Aber wenn wir Menschen helfen, greifen wir \u2013 direkt oder indirekt \u2013 auch auf den feinstofflichen K\u00f6rper des Individuums sowie den kollektiven grob- und feinstofflichen K\u00f6rper zur\u00fcck, aus dem der einzelne Mensch ja ebenfalls besteht. Ich nenne Ihnen einmal ein, zwei Beispiele, damit solche Vorstellen eher Hand und Fu\u00df bekommen.<\/p>\n<p><i>Serge Prengel: Okay. <\/i><\/p>\n<p>Raja Selvam: Nach dem Tsunami 2004 kam ein zehnj\u00e4hriger Junge auf uns zu, als wir unsere Arbeit in einem s\u00fcdindischen Dorf schon beendet hatten und im Begriff waren, die Sachen zu packen. Er nahm die Hand einer Therapeutin aus unserem Team, legte sie sich auf die Brust und sagte nur: &#8220;Tsunami, bumm, bumm, bumm.&#8221; Immer wenn er an den Tsunami dachte oder wenn jemand oder etwas ihn daran erinnerte, schlug sein Herz wie wild und die Angst war da. Seine Angst war un\u00fcbersehbar, als er \u00fcber sie sprach. Wir gaben ihm eine Kurzbehandlung und brachten ihm bei, was er als Selbsthilfema\u00dfnahme tun k\u00f6nnte, wenn er wieder diese Symptome h\u00e4tte. Mehr oder weniger war es das auch schon. Wir sagten: \u201cJa, so ein Tsunami ist sehr be\u00e4ngstigend. Der K\u00f6rper kann davon so aufgeladen sein, wie wenn man sehr schnell gerannt ist. Der K\u00f6rper kann sich ganz hart machen, um mit der ganzen Ladung und Angst im ihm klarzukommen. Der K\u00f6rper versucht diese Erfahrung auf eine m\u00f6glichst kleine Stelle zu begrenzen und dann &#8216;Deckel drauf&#8217;. So kann die ganze Angst und Aufregung in der Brust stecken bleiben, die sich jetzt verh\u00e4rtet hat. So viel Angst und Aufregung, die da im ganzen K\u00f6rper vorhanden war und sich jetzt in einer einzigen Gegend zusammenballt, n\u00e4mlich in deiner Brust, kann dieser K\u00f6rperregion ziemlich viel abverlangen und Probleme wie \u00c4ngste, Atemnot und einen unregelm\u00e4\u00dfigen Herzschlag hervorrufen.&#8221;<\/p>\n<p>Wir brachten dem Jungen bei, sich nicht von der Angst und der Aufregung abzulenken. Stattdessen solle er eine M\u00f6glichkeit finden, mehr Platz f\u00fcr sie in seinem K\u00f6rper zu schaffen. Dann m\u00fcsste sich nicht mehr alles in seinem K\u00f6rper zusammenziehen und verh\u00e4rten, um die ganze Angst und Aufregung in Schach zu halten, was dann sein Herz so heftig pochen lie\u00df. Konkret brachten wir ihm bei, sich die Hand auf die Brust zu legen, den rechten Arm zu bewegen und dann den linken, und zu sp\u00fcren, wie sich diese ganzen Regionen \u00f6ffneten. Daraufhin hatte er mehr Angstempfindungen in seinen Armen. Und das entlastete zunehmend den Brustraum, was sich in einer freieren Atmung \u00e4u\u00dferte. Langsam breitete sich die Angst auch noch in andere Regionen hinein aus. Nicht einmal in viele \u2013 sie wanderte ein wenig in die Beine hinein \u2013 aber er war angenehm \u00fcberrascht, welche Last von ihm abfiel. Wir sagten zu ihm: &#8220;Genau das tust du, wenn du wieder an den Tsunami denken musst und dein Herz verr\u00fccktspielt. Du legst dir die H\u00e4nde auf das Herz, auf die Brust, und du bewegst die Arme und vielleicht auch noch die Beine und schaust dir an, wie diese Angst sich vielleicht ausbreiten kann, durch m\u00f6glichst viel Raum in deinem K\u00f6rper, so dass dein Herz nicht mehr so viel Angst bekommt, dass es aus dem Takt kommt.&#8221;<\/p>\n<p>Wir erkundigten uns vier Wochen sp\u00e4ter noch einmal nach ihm und ein weiteres Mal sechs Wochen sp\u00e4ter, und es ging ihm gut. Er sagte, er h\u00e4tte die Symptome seitdem nicht mehr gehabt und schaffe es, seine Angst im Zaum zu halten, damit sie nicht zu viel w\u00fcrde. Ich hoffe, dieses Beispiel vermittelt eine Idee davon, wie man in einem simplen Fall wie hier vorgehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Betrachten wir uns dieses simple Beispiel mit Blick auf die zuvor angesprochenen Prinzipien, erleben wir die Arbeit mit dem physischen K\u00f6rper in Aktion. Wir dehnten die Brust- und Armregion aus und sorgten daf\u00fcr, dass sie besser funktionieren konnten. Wir verst\u00e4rkten die kardiovaskul\u00e4ren Verbindungen zwischen den drei Schichten des physiologischen Systems \u2013 Muskeln, Organe und Nervensystem \u2013 und die Weiterleitung neuronaler Impulse durch sie hindurch mit Hilfe von Wahrnehmung, Ber\u00fchrung und Bewegung. Das also erlaubte, dass Furcht und Angst, die ja als Erfahrungen nicht einfach sind, in einem gr\u00f6\u00dferen Areal des physiologischen Systems hervorgebracht, gehalten und ertragen werden konnten, so dass nicht ein einziger begrenzter Bereich, das Herz, einer Dysregulation entgegenging, indem es unregelm\u00e4\u00dfig schlug.<\/p>\n<p>Das Beispiel zeigt auch die indirekte Arbeit mit dem feinstofflichen K\u00f6rper. Damit die Herzchakraenergie besser flie\u00dfen und innerlich besser gehalten werden kann, muss der ganze Bereich der Rippenb\u00f6gen von der Schulter bis zum Zwerchfell sowie die Oberarmregion von der Schulter zum Ellbogen offen und in Verbindung sein. Das ist ein Punkt, den man bei den hier angewandten Interventionen als M\u00f6glichkeit sehen kann.<\/p>\n<p><i>Serge Prengel: Das ist ein ganz wundersch\u00f6nes Beispiel, und ich w\u00fcrde die Situation jetzt gerne mit Ihnen noch einmal durchspielen, als h\u00e4tten wir eine Videoaufnahme von ihr. Da wir aber kein Video haben, ist ja auch nicht m\u00f6glich, es zu kommentieren. Deshalb werde ich jetzt einmal vorschlagen, dass die Zuh\u00f6rer es noch einmal St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck h\u00f6ren und zwischendurch immer stoppen, um auf die einzelnen Schichten zu achten, von denen Sie jeweils gerade sprechen. Sie k\u00f6nnen dann auch versuchen, dieses Vorgehen auf eine Erfahrung anzuwenden, die ihnen selbst Schwierigkeiten macht. Man wei\u00df, dass man an einen Punkt geraten ist, an dem es zu arbeiten gilt, wenn sich unterschwellig das Gef\u00fchl einstellt: &#8220;Diese Erfahrung \u00fcberfordert mich jetzt ziemlich.&#8221; So k\u00f6nnen sie lernen, dass es eine M\u00f6glichkeit gibt, damit und mit \u00e4hnlichen Erfahrungen umzugehen, indem sie den Container vergr\u00f6\u00dfern, der sie in sich fassen muss, so dass sie leichter zu verdauen sind. <\/i><\/p>\n<p>Raja Selvam: Gro\u00dfartige Idee. Aber sie m\u00fcssen darauf achten, dass sie mit etwas Kleinem anfangen. Sie sollten das Ganze nicht gleich anhand der schlimmsten Erfahrung ihres Lebens testen. Au\u00dferdem d\u00fcrfen sie nicht vergessen, dass die Bereitschaft da sein muss, kurzfristig ein wenig zu leiden, damit sie auf lange Sicht nicht unn\u00f6tig unter Symptomen leiden. Und dass es immer einfacher ist, eine schwierige Erfahrung mit Unterst\u00fctzung von anderen zu verarbeiten statt sich dabei selbst \u00fcberlassen zu sein.<\/p>\n<p>Tatsache ist, dass wir bestimmte Erlebnisse ohne die Unterst\u00fctzung anderer gar nicht verarbeiten k\u00f6nnen. Zu den wichtigen Tools, die im ISP-Training vermittelt werden, geh\u00f6rt die interpersonale Resonanz. Wir sind alle so angelegt, dass wir ein Gesp\u00fcr f\u00fcr den anderen haben und einander von K\u00f6rper zu K\u00f6rper regulieren k\u00f6nnen. Das funktioniert \u00fcber die Frequenzen des elektromagnetischen Spektrums im physischen K\u00f6rper wie auch \u00fcber h\u00f6here energetische Frequenzen des feinstofflichen K\u00f6rpers und l\u00e4sst sich wirksam einsetzen, um Klienten in einer Sitzung zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Das Tragische an einer psychologischen Praxis, die nicht das Gewahrsein des physischen und feinstofflichen K\u00f6rpers mit einbezieht, ist unter anderen die Tatsache, dass dieses au\u00dfergew\u00f6hnliche Zusatzhilfsmittel so nicht recht zum Einsatz kommt. Dabei ist es gar nicht schwer, von ihm Gebrauch zu machen. Nur ist dazu in der westlichen Psychologie ein Umdenken erforderlich. Wie der brillante intersubjektive Psychoanalytiker <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Robert_Stolorow\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Robert Stolorow<\/a>&nbsp;konstatierte, geht in der westlichen Psychologie vieles hiervon verloren, da im Denken das Paradigma herrscht, dass die Psyche des Einzelnen isoliert und mit festen Grenzen ausgestattet sei, und wie ein Roboter funktioniere, der \u00fcber seine Sensoren wahrnimmt und mit Hilfe seiner CPU (zentralen Recheneinheit) ein Resultat ableitet. Auch alle sonstigen Erfahrungen k\u00e4men so zustande. Die angesprochene interpersonelle Resonanz ist oft die prim\u00e4re Erfahrung bei Bindungs- und sonstigen Beziehungserfahrungen. Von kann ich mir schwer vorstellen, an Bindungs- und Beziehungserfahrungen zu arbeiten, ohne dass wir dabei durch unseren physischen und feinstofflichen K\u00f6rper der Dimension der interpersonellen Resonanz hierbei wahrnehmen.<\/p>\n<p><i>Serge Prengel: Faszinierend! Wenn wir uns noch einmal dem Beispiel von eben zuwenden \u2013 mir geht es noch weiter durch den Kopf: was ich auch noch bemerkenswert fand war, dass Sie ja nicht nur im Blick zu haben, was sich bei Ihrem Klienten abspielt. Sie tragen dem Kind auf, den Arm zu bewegen und seine eigenen Beobachtungen anzustellen. Und das tun Sie auf eine einfache Weise und indem Sie ihm signalisieren, dass es machbar ist. Ich w\u00fcrde Sie gerne einladen, dieses Beispiel vielleicht noch einmal kurz umrei\u00dfen, damit wir es noch einmal h\u00f6ren und die zahlreichen Schichten erkennen k\u00f6nnen, die hier eine Rolle spielen. <\/i><\/p>\n<p>Raja Selvam: Ja. Klienten Dinge zu erkl\u00e4ren, ist ein wichtiger Bestandteil dieses Ansatzes. Die meisten sind ja nicht k\u00f6rperorientiert. Die meisten Therapeuten \u00fcbrigens ganz genauso wenig. Von daher verstehen sie nur begrenzt, welche Rolle des K\u00f6rpers bei psychischen Erfahrungen spielt und wie man im Kontext psychischer Erfahrungen mit dem K\u00f6rper arbeiten kann. Von daher ist es wichtig, Klienten m\u00f6glichst einfach aufzukl\u00e4ren, warum der K\u00f6rper wichtig ist, wie man mit ihm arbeiten kann und welche Vorteile es verspricht. Nur dann werden Klienten motiviert sein und die Sitzung kann gut laufen. Darf ich Ihnen hierzu einmal ein komplexeres Beispiel geben statt das von eben nochmals durchzugehen? Ich gehe dann in diesem Zusammenhang darauf ein, welche zugrunde liegenden Prinzipien hier wirksam sind.<\/p>\n<p><i>Serge Prengel: Sicher, gerne. <\/i><\/p>\n<p>Raja Selvam: Eine junge Frau kam in den Niederlanden zu mir, w\u00e4hrend dort eine Fortbildung von mir lief. Sie hatte schon mit sieben unter Panikattacken gelitten. Als kleines M\u00e4dchen h\u00f6rte sie immer eine Stimme aus ihrem Bauch, die sich vor einer Panikattacke meldete und ihr sagte, jetzt sei es Zeit, zu sterben. Es machte ihr so gro\u00dfe Angst, dass sie nicht einmal ihren Eltern davon erz\u00e4hlte. Sie war das einzige Kind, und erst mit zehn Jahren brachte sie es schlie\u00dflich \u00fcber sich, den Eltern davon zu berichten. Als sie sich schlie\u00dflich dazu durchrang, bem\u00fchten sich die Eltern um bestm\u00f6gliche professionelle Hilfe \u2013 \u00c4rzte, Psychiater, Psychologen &#8230; Als sie zu mir kam, war sie 21. Sie nahm diverse Medikamente. Sie hatte zwei psychoanalytische Analysen durchlaufen. Die Panikattacken kamen noch immer. Sie schlief viel, brach ihre Collegeausbildung ab, nahm einen schlecht bezahlten Job an, wohnte bei den Eltern und konnte es nicht ertragen, wenn diese sie alleine zu Hause zur\u00fccklie\u00dfen. Sie war depressiv und ohne jede Hoffnung, dass sich das alles noch einmal etwas \u00e4ndern w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Ihr Onkel assistierte mir bei dem Training dort und kl\u00e4rte mich \u00fcber ihre Vorgeschichte auf. Er berichtete von zwei Operationen wegen einer Fehlbildung im Verdauungstrakt unmittelbar nach der Geburt. Vor diesem Hintergrund stellten wir sofort die Hypothese auf, dass der Sitz dieser Stimme im Bauchraum hiermit zusammenh\u00e4ngen k\u00f6nnte. (Wie sich herausstellte, war auch schon ein Psychoanalytiker zu dieser Deutung gelangt.)<\/p>\n<p>Die junge Frau stellte von vorn herein klar, dass sie mit Psychotherapie nichts mehr zu schaffen haben wolle. Ich bot ihr an, ihr einen Weg zu zeigen, wie sie verhindern konnte, dass ihr Stresspegel die Schwelle \u00fcberstieg, jenseits derer die Panikattacke ausgel\u00f6st w\u00fcrde. Daf\u00fcr war sie anscheinend offen. Ich erkl\u00e4rte ihr, wie belastend schwierige psychische Erfahrungen wie etwa unangenehme Emotionen oder Gedanken f\u00fcr unseren K\u00f6rper sind. Der K\u00f6rper &#8220;nimmt sich zusammen&#8221;, indem er kontrahiert, um den Stress zu bew\u00e4ltigen. H\u00e4lt die schwierige physiologische oder psychologische Erfahrung an, baut sich Druck auf, vor allem wenn der ausgel\u00f6ste Stress sich in einer eng begrenzten K\u00f6rperregion konzentriert. Die L\u00f6sung besteht darin, einen Weg zu finden, den K\u00f6rper auszudehnen und die schwierige physiologische oder psychische Erfahrung oder den aus ihr resultierenden Stress auf ein gr\u00f6\u00dferes Areal zu verteilen, damit sie besser im K\u00f6rper gehalten werden kann und nicht Symptome wie etwa eine Panikattacke ausl\u00f6st.<\/p>\n<p>Ich lie\u00df die junge Frau dann \u00fcber etwas sprechen, was in ihrem Leben oft bewirkte, dass sie sich schlecht f\u00fchlte. Sie erw\u00e4hnte daraufhin Interaktionen mit ihrem Chef am Arbeitsplatz. Ich trug ihr auf, wahrzunehmen, wo ihr K\u00f6rper den Stress und die mit ihm verbundene Einschn\u00fcrung zuerst erlebte. Wenig \u00fcberraschend zeigte sie daraufhin auf ihren Bauch. Bei jeder Person gibt es ein, zwei Stellen im K\u00f6rper, die hierf\u00fcr besonders pr\u00e4destiniert sind, ganz unabh\u00e4ngig von Ursprung oder Ursache. Ich trug ihr auf, sich eine Hand dorthin zu legen, um das unangenehme Gef\u00fchl dort und die Enge zu reduzieren und lie\u00df sie verfolgen, wohin sich der Stress von dort aus ausbreitete. Er wanderte tiefer in ihren Bauchraum, tat sich jedoch schwer damit, tiefer in Richtung Beine und F\u00fc\u00dfe vorzudringen.<\/p>\n<p>Daraufhin lie\u00df ich sie etwas Bewegung in ihre Beine bringen, indem ich ihr auftrug, die F\u00fc\u00dfe und Kn\u00f6chel zu bewegen und zu beobachten, was als n\u00e4chstes geschehen w\u00fcrde. Anfangs berichtete sie von kribbelnden Empfindungen in den Unterschenkeln und dann schlie\u00dflich von ihrer Wahrnehmung, wie etwas in ihre Beine hinein mehr in Fluss kam. Gleichzeitig l\u00f6ste sich das eingeschn\u00fcrte Gef\u00fchl in ihrem Bauch ein wenig und ihre Brustatmung wurde dementsprechend leichter. \u00dcberraschender Weise war da keine Angst. Aber das spiegelten wir gar nicht gleich.<\/p>\n<p>Ich sagte ihr, sie solle diese \u00dcbung eine Woche lang immer dann durchf\u00fchren, wenn sie unter Stress geriet. Und dann solle sie am Ende des gerade begonnenen Trainings noch einmal zu mir kommen. Die gleiche \u00dcbung solle sie durchf\u00fchren, wenn in ihrem Leben Furcht oder Angst auftauchten, und sei es bei der \u00dcbung selbst.<\/p>\n<p>Als sie eine Woche sp\u00e4ter zur\u00fcckkehrte, wirkte sie nicht nur hoffnungsfroh, sondern sagte auch, sie h\u00e4tte sich in dieser einen Therapiesitzung mehr verstanden gef\u00fchlt als in allen Therapiesitzungen davor. Doch die gro\u00dfe \u00dcberraschung kam erst noch. Sie berichtete n\u00e4mlich, dass sie ihr ganzes Leben lang heftig unter Verstopfung gelitten habe \u2013 einmal Stuhlgang pro Woche, und auch das unter gro\u00dfen Schwierigkeiten, sei bei ihr die Norm. Und seit sie mit der \u00dcbung begonnen hatte, die wir ihr empfohlen hatten, sei ihre Verstopfung wie weggeblasen! Sie wollte uns nachdr\u00fccklich klar machen, was f\u00fcr eine Erleichterung das war. Und sie war bereit, weiterzumachen.<\/p>\n<p>Beschreibungen wie &#8216;\u00dcbertragungskur&#8217; (Suggestion) und &#8216;au\u00dferordentlich positive \u00dcbertragung&#8217; kamen mir in den Sinn. Andererseits hatte ich eine derart rasante Aufl\u00f6sung von Symptomen schon \u00f6fter erlebt \u2013 einfach durch die F\u00e4higkeit des K\u00f6rpers, sich selbst zu regulieren, wenn ihm erst einmal gezeigt wird, wie. Vor allem, wenn auch der feinstoffliche K\u00f6rper mit in Fluss kommt und mehr mit dem grobstofflichen zu interagieren beginnt. Dennoch hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon genug erlebt, um derart kurzfristige Ver\u00e4nderungen, so wundersam sie auch sein mochten, gleich als Erfolgsindikatoren zu verstehen. Das Symptom muss auch auf lange Sicht verschwinden, nur dann kann man davon ausgehen, dass derartiges etwas zu sagen hat. Also wandten wir uns der zweiten Behandlung zu.<\/p>\n<p>Die Angst lie\u00df nicht lange auf sich warten. Aus ihr wurde eine massive Furcht, die den Brustraum \u00fcberw\u00e4ltigte und die junge Frau bis an die Grenze zur Panik brachte. H\u00e4tten wir einfach da gesessen und validiert, was sie da erlebte, w\u00e4re sie dekompensiert und h\u00e4tte eine Panikattacke bekommen. Aber wir wussten ja, was es zu tun galt. Auch sie selbst wusste es dank der Erfahrung, die sie die ganze Woche \u00fcber immer wieder machen konnte: dass es das aufgestiegene Gef\u00fchl in verschiedene Richtungen zu verteilen galt. Wir baten sie, die Arme und Schultern zu bewegen, um eine Ausdehnung in diese Richtung zu erleichtern. Wir lie\u00dfen sie den Hals bewegen, den Kopf und das Gesicht und trugen ihr auf, die Angst auch in ihr Gesicht treten zu lassen. Wir lie\u00dfen sie zun\u00e4chst sagen, dass sie Angst hatte und danach, dass ihr K\u00f6rper und ihr Gehirn Angst h\u00e4tten, sie aber nicht. Es ging darum, ein gewisses Ma\u00df an Achtsamkeit in ihr Erleben einzubinden.<\/p>\n<p>Wir trugen ihr auf, sich eine Hand auf das Herz zu legen, um es zu regulieren. Es war heftig. Schwerstarbeit. Aber sie schaffte es, durchzuhalten und mit dem hohen Ma\u00df an Erregung und der entsetzlichen Angst zu arbeiten, die als Ausl\u00f6ser von Panikattacken die \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen sind. Sie stand das Ganze durch, ohne dass es wirklich zu einer Panikattacke kam. Ich sagte ihr am Ende der Sitzung, sie sollte das, was wir da gerade gemacht hatten, m\u00f6glichst als \u00dcbung weiterpraktizieren wann immer sie Stress, Angst oder Panik erlebe. Zudem solle sie mit ihrem Onkel in Kontakt bleiben und ihn \u00fcber ihre Fortschritte auf dem Laufenden halten. Au\u00dferdem rieten wir ihr, eine bei uns ausgebildete Psychotherapeutin (oder einen Psychotherapeuten) zu kontaktieren, falls sie sich \u00fcberfordert f\u00fchle, aber dem konnte sie anscheinend wenig abgewinnen.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag reiste ich ab. Sechs Wochen sp\u00e4ter h\u00f6rte ich von ihrem Onkel, es ginge ihr gro\u00dfartig. Sie hatte in der Zwischenzeit keine einzige Panikattacke gehabt. Durch das, was sie bei uns gelernt hatte, gelang es ihr, aus sich anbahnenden Panikattacken wieder herauszukommen ohne tats\u00e4chlich eine zu erleiden. Ich war erleichtert. Das n\u00e4chste Mal sah ich sie sechs Monate sp\u00e4ter w\u00e4hrend des n\u00e4chsten Ausbildungsblocks in den Niederlanden. Diese Sitzung hatte nichts Dramatisches. Sie ging eher in die gleiche Richtung wie die erste und die zweite, nur dass ihr Prozess jetzt mehr Expansion erlaubte und viel weniger fl\u00fcchtig war. Sie schien auch besser in der Lage zu sein, ihre innerlichen Erfahrungen differenziert wahrzunehmen und zu benennen. Ich deutete ihre Angst f\u00fcr sie als etwas, das m\u00f6glicherweise mit ihrer Todesangst vor, w\u00e4hrend und nach den medizinischen Eingriffen unmittelbar nach ihrer Geburt zusammenhing. Au\u00dferdem gab ich ihr zu bedenken, dass ihre Angst, sterben zu m\u00fcssen, auch mit einem hohen Angstpegel bei ihrer Mutter zusammenh\u00e4ngen k\u00f6nnte. Sie konnte diese \u00c4ngste von ihren Eltern geerbt haben k\u00f6nnte, die noch unmittelbar den Zweiten Weltkrieg erlebt hatten. Einen Punkt hatte ich noch zu erw\u00e4hnen vergessen: sie war in Zusammenarbeit mit ihrem Psychiater bereits dabei, die diversen Medikamente auszuschleichen, und dieser Psychiater wollte genau wissen, welche \u00dcbung ihr da beigebracht worden war, die zu einer derart bemerkenswerten Abnahme ihrer Symptome gef\u00fchrt hatte. Nicht genug damit, dass sie ihren alten Job gegen einen neuen getauscht hatte \u2013 sie hatte auch einen neuen Freund. Sie schlief nicht mehr so viel und ging mit ihrem Vater Joggen. Und sie behauptete sich gegen\u00fcber dem Rest der Familie und konnte auch durchaus w\u00fctend werden, wie ihr Onkel sp\u00e4ter berichtete, hocherfreut \u00fcber diese Entwicklung.<\/p>\n<p>Meine letzte Sitzung mit ihr fand dann wiederum sechs Monate sp\u00e4ter telefonisch statt. Ihr Lieblings-Gro\u00dfvater war gestorben, und es fiel ihr schwer, damit fertig zu werden. W\u00e4hrend wir dar\u00fcber redeten, spiegelte ich ihre tiefe Trauer und regte sie dazu an, mit der Trauer genauso zu arbeiten und sie in sich da sein zu lassen, wie sie das bereits mit Stress, Angst und Furcht kannte. Sie hatte mittlerweile bereits alle Medikamente abgesetzt. Am Ende der Sitzung sagte sie, es g\u00e4be da etwas, was sie st\u00f6re und irritiere.<\/p>\n<p>Sie wurde n\u00e4mlich immer energiegeladener, je l\u00e4nger sie die \u00dcbung machte. Je mehr sie die Energie zu verteilen beziehungsweise sogar durch Bewegung loszuwerden suche, desto hartn\u00e4ckiger blieb sie. Da wurde mir klar, dass ihr Organismus immer mehr von der Lebenskraft beseelt wurde, wo diese jetzt nicht mehr gez\u00fcgelt werden musste, damit keine unangenehmen und sogar gef\u00e4hrlichen Symptome in ihrem K\u00f6rper ausgel\u00f6st w\u00fcrden. Ich erkl\u00e4rte ihr, dass sie sich jetzt daran machen m\u00fcsse, diese Lebensenergie konstruktiv einzusetzen, um auch in ihrem Leben Neuland zu erobern.<\/p>\n<p>Sie gab daraufhin zur\u00fcck, sie h\u00e4tte de facto schon dar\u00fcber nachgedacht, auf Teilzeitbasis wieder an die Uni zur\u00fcckzukehren, um ihren Abschluss zu beenden. Ich empfahl ihr, das ruhig zu tun und neckte sie sogar, wenn sie es nicht t\u00e4te, k\u00f6nnten wom\u00f6glich ihre Symptome zur\u00fcckkehren!<\/p>\n<p>Nach den neuesten R\u00fcckmeldungen von Seiten ihres Onkels hat sie mittlerweile ihr Examen abgelegt, wohnt in einem eigenen Apartment in der Stadt und hat mit ihrem Freund zusammen einen Motorradtrip durch Asien unternommen. Ich muss sagen, dass ich so etwas wie Vaterstolz versp\u00fcrte, als ich das h\u00f6rte und dass ich mich freute, auf ihrem Weg ebenfalls eine kleine Rolle gespielt zu haben.<\/p>\n<p>Das eigentlich Wichtige war ihre Entschlossenheit, ihr Leben zu \u00e4ndern und sich dem zu stellen und das zu ertragen, was es f\u00fcr sie zu f\u00fchlen galt, damit sie Heilung finden w\u00fcrde. Und es war die F\u00e4higkeit ihres physischen K\u00f6rpers, sich mit minimaler Hilfestellung selbst zu regulieren. Es war die F\u00e4higkeit ihres feinstofflichen K\u00f6rpers, mit ein klein wenig Hilfe nicht nur zu ihrer physiologischen und psychischen Regulierung beizutragen, sondern sie auch davon profitieren zu lassen, dass so die Anbindung an den kollektiven grobstofflichen und feinstofflichen K\u00f6rper hergestellt w\u00fcrde \u2013 mitsamt seiner immensen Weisheit im Hinblick auf die Regulierung des Lebens selbst.<\/p>\n<p><i>Serge Prengel: Das ist in der Tat ein komplexerer Fall als der erste. <\/i><\/p>\n<p>Raja Selvam: Ja, Betrachten wir ihn doch einmal aus der Warte einiger der Grundprinzipien, von denen wir gesprochen haben.<\/p>\n<p><i>Serge Prengel: Okay. <\/i><\/p>\n<p>Raja Selvam: In der ersten Sitzung dehnten wir ja mit Selbstber\u00fchrung den eingeschn\u00fcrten Bauch aus und lie\u00dfen die Beine \u2013 vor allem die F\u00fc\u00dfe und Kn\u00f6chel \u2013 bewegen. Sie sollten mit einbezogen sein bei dem, was sich in ihrem Bauch tat. Wir unterst\u00fctzten das, was an beiden Stellen geschah, mit der Wahrnehmung. Bei all dem ging es darum, zu einer besseren Selbstregulierung in diesen Regionen quer durch die drei Schichten des physischen K\u00f6rpers (Muskeln, Organe und Nervensystem) beizutragen. Zudem halfen wir dabei, dass die im Bauch erlebten Schwierigkeiten in gr\u00f6\u00dferen Teilen des physiologischen Systems generiert, verteilt und gehalten werden konnten, damit sie leichter zu ertragen w\u00e4ren, wie man es nach dem Stand der Forschung zur Physiologie der Emotionen erwarten w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Daneben halfen wir, die Zonen im physischen K\u00f6rper zu \u00f6ffnen, die der Polarity-Therapie zufolge den Fluss der feinstofflichen Energien durch die Chakren in den physischen K\u00f6rper hemmen k\u00f6nnen. Die Unterschenkel von unter dem Knie bis zum Kn\u00f6chel k\u00f6nnen den Fluss der Herzchakraenergie bremsen, die mit Gef\u00fchlen uns selbst und anderen gegen\u00fcber zu tun hat. Die Region von den Kn\u00f6cheln bis zu den F\u00fc\u00dfen kann den Fluss der Energie des zweiten Chakras hemmen. Dieses Chakra erleichtert Verj\u00fcngung und Kreativit\u00e4t sowie den Zugang zu unbewussten Gef\u00fchlen und ihrem Ursprung. Auf eine gewisse Weise k\u00f6nnte das ein St\u00fcck weit das enorme Ma\u00df an Angst und Schrecken erkl\u00e4ren, das sich in der zweiten Woche zeigte, nachdem sie die \u00dcbung, die Kn\u00f6chel- und Fu\u00dfregion offen zu halten, eine Woche lang durchgef\u00fchrt hatte.<\/p>\n<p>Als wir in der zweiten Sitzung (a) durch Bewegung halfen, mehr Ausdehnung im Arm- und Hals-\/Nacken- bzw. Kopfbereich zu bringen und (b) das gleiche in der Brust mit Eigenber\u00fchrung f\u00f6rderten, wobei wir gleichzeitig Unterst\u00fctzung in Verbindung mit der erlebten massiven Furcht und Empfindungen wie etwa Kribbeln in diesen Regionen boten. Hierbei hielten wir uns an die Erkenntnisse zu den physiologischen Vorg\u00e4ngen bei der Selbstregulation und halfen dem physischen K\u00f6rper ein weiteres Mal, seine Selbstregulierungsf\u00e4higkeit zu erh\u00f6hen, indem wir den freien Fluss im kardiovaskul\u00e4ren System und im Nervensystem quer durch die drei K\u00f6rperschichten verbesserten.<\/p>\n<p>Zudem halfen wir, physiologisch mehr Raum zu schaffen, um schwierige Erfahrungen wie massive Furcht, Stress und \u00c4ngste entstehen zu lassen, in sich sein zu lassen und auszuhalten. Dabei orientierten wir uns am Stand der Erkenntnisse zu den physiologischen Abl\u00e4ufen in Verbindung mit Emotionen. Durch gr\u00f6\u00dfere \u00d6ffnung der Brustregion in Form von Selbstber\u00fchrung, Lenkung der Wahrnehmung dorthin und Bewegung der Arme und vor allem der Schultern wurde ein Areal ge\u00f6ffnet, dass f\u00fcr den Energiefluss vom Herzchakra sowie dem zweiten oder Kreuzbeinchakra entscheidend ist. Diese beiden Chakren stehen am st\u00e4rksten mit einem tieferen Eintauchen in bewusste wie auch unbewusste Gef\u00fchle in Verbindung, in diesem Fall also massive Furcht, Stress und Angst.<\/p>\n<p>Die Bewegung der Arme \u2013 aus Polarity-Sicht sind diese entscheidend f\u00fcr den Energiefluss vom Kehlchakra in den K\u00f6rper \u2013 h\u00e4tte helfen k\u00f6nnen, den Energiefluss vom Kehlchakra zu erh\u00f6hen. Zum einen kann der bessere Fluss des mit dem Kehlchakra zusammenh\u00e4ngenden Elements \u00c4ther allgemein mehr Platz im physiologischen System schaffen. Zum anderen kann so auch konkret mehr Raum f\u00fcr alle Gef\u00fchle entstehen, wodurch die Gef\u00fchle, die bei der Sitzung eine Rolle spielen, leichter flie\u00dfen k\u00f6nnen. Bewegung in Hals und Nacken zu bringen \u2013 eine wichtige Zone f\u00fcr das Wurzelchakra, das f\u00fcr derart Existenzielles wie etwa Todesangst zust\u00e4ndig ist \u2013 h\u00e4tte vielleicht eher erlaubt, dass der Kernaffekt ins Bewusstsein gedrungen w\u00e4re: die massive Furcht, sterben zu m\u00fcssen, die wir als die treibende Kraft hinter dem Symptom der Klientin betrachten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Hals und Nacken zu bewegen, h\u00e4tte ihr auch helfen k\u00f6nnen, das mimische Affektsystem mit dem viszeralen zu verbinden, zumindest vertrat die \u00e4ltere psychoanalytische Affekttheorie diese Haltung.<\/p>\n<p>Ein wichtiger Aspekt der zweiten Sitzung ist die Entwicklung der F\u00e4higkeit, ein hohes Ma\u00df an Erregung und massiver Furcht erleben zu k\u00f6nnen, ohne dass eine Panikattacke entsteht oder ein weiterer &#8220;Shutdown&#8221; des physischen und feinstofflichen K\u00f6rpers.<\/p>\n<p>Die Zustandsabh\u00e4ngigkeitstheorie besagt, dass man zu einem Symptom, das in bestimmten intensiven Erfahrungszust\u00e4nden entstanden ist, nur dann eine neue Haltung finden und es aufl\u00f6sen kann, wenn man dabei in etwa die gleiche Intensit\u00e4t provoziert. Das k\u00f6nnte erkl\u00e4ren, warum es der Klientin nach dieser Sitzung gelang, keine weitere Panikattacke mehr zu erleben und eine solche, wenn sie sich anbahnte, noch abzuwenden, bevor sie voll ausbrach.<\/p>\n<p>Wenn der physische und der feinstoffliche K\u00f6rper nicht mehr &#8220;dicht macht&#8221;, wie er zuvor tat, um eine unertr\u00e4gliche Erfahrung zu bew\u00e4ltigen, ist er auch offener daf\u00fcr, mit dem kollektiven grob- und feinstofflichen K\u00f6rper in Beziehung zu treten, der uns rundum umgibt und von ihm zu profitieren. Die \u00f6stliche Psychologie sagt sogar, dass wir ein Teil von ihm seien. Dass die Klientin vermehrt in der Lage war, bei der Arbeit, zu Hause und in ihrem pers\u00f6nlichen Leben funktionierende Beziehungen aufzubauen und sich wieder gezielt ihrer Weiterbildung widmete und diese Lebenskraft erlebte, \u00fcber die sie selbst staunte \u2013 alles das verweist darauf, dass es ihrem individuellen grob- und feinstofflichen K\u00f6rper nun besser gelang, eine Verbindung zum kollektiven grob- und feinstofflichen K\u00f6rper herzustellen. Und dessen Weisheit ist der des individuellen K\u00f6rpers schlichtweg \u00fcberlegen. Man k\u00f6nnte sagen, dass die Klientin an sich selbst Reiki praktizierte, als sie es schaffte, ihren individuellen feinstofflichen K\u00f6rper an den kollektiven feinstofflichen K\u00f6rper anzuschlie\u00dfen \u2013 den der universellen Lebenskraft mit ihrer immensen Intelligenz. Anders lassen sich die bemerkenswerten Ver\u00e4nderungen bei ihr nicht erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Um der Vollst\u00e4ndigkeit willen soll hier auch noch angemerkt werden, dass die psychotherapeutische Vorarbeit in Form ihrer beiden Analysen zweifellos eine Menge mit ihrer bemerkenswerten Gesundung zu tun hatte. Die Analysen allein hatten es allerdings nicht geschafft, die Symptome aufzul\u00f6sen. Diese Tatsache verweist auf die potenziell gr\u00f6\u00dfere Effizienz psychoanalytischer Behandlungen, die den individuellen grob- und feinstofflichen K\u00f6rper in ihre Arbeit einbeziehen.<\/p>\n<p><i>Serge Prengel: Richtig. <\/i><\/p>\n<p>Raja Selvam: Die meisten nicht k\u00f6rperorientierten Therapieans\u00e4tze verfallen in ein Muster, das ich einmal als &#8220;Therapie oberhalb des Zwerchfells&#8221; bezeichnen w\u00fcrde. Die im Brustraum entstehenden Erfahrungen werden sofort kognitiv angegangen. Nicht, dass hiergegen prinzipiell etwas einzuwenden w\u00e4re \u2013 das Verstehen ist ein ganz genauso wichtiger Bestandteil des Heilens von Erlebtem wie das tiefe F\u00fchlen. Dominiert das Verstehen im Prozess aber zu sehr, beschr\u00e4nkt es die Kapazit\u00e4t im Hinblick auf diese Erfahrung. Diese bleibt dann schwierig und die Betreffenden tun sich irgendwie schwer, sie hinter sich zu lassen. W\u00e4hrenddessen treiben die Assoziationen und Bedeutungen st\u00e4ndig neue Bl\u00fcten. Es fehlt nicht mehr viel, und wir befinden uns mitten in einem Woody-Allen-Film.<\/p>\n<p>Bei solchen Prozessen fehlt das Verst\u00e4ndnis, dass umso mehr vom physischen K\u00f6rper herangezogen werden muss, diese Erfahrung zu erzeugen und innerlich zu halten, je heftiger sich die Erfahrung dort auswirkt. Zudem erh\u00f6ht ein Verstehen, das auf eine mit tiefem F\u00fchlen verbundene Erfahrung zur\u00fcckgeht, die Wahrscheinlichkeit, dass das Verstandene f\u00fcr die Situation \u00fcberhaupt relevant ist. Und wenn das physiologische System bei einer schwierigen Erfahrung weniger dysreguliert ist und weitere Teile davon diese Erfahrung mittragen, w\u00e4chst die Toleranz f\u00fcr alles, was mit der Erfahrung verbunden ist, w\u00e4hrend wir sie n\u00e4her untersuchen, um neue Einsichten zu gewinnen oder \u00fcber die entsprechenden Ma\u00dfnahmen zu entscheiden.<\/p>\n<p>N\u00e4hern wir uns dem Prozess vom feinstofflichen K\u00f6rper her, so k\u00f6nnen wir sagen, dass sich die meisten Chakren, die eine Verbindung zu tiefen existenziellen und unbewussten Prozessen aufweisen, unterhalb des Zwerchfells liegen. Und auch die meisten Zonen, die f\u00fcr den Energiefluss vom Kehl- und Herzchakra her entscheidend sind, liegen unterhalb des Zwerchfells. Demzufolge besteht bei Prozessen oberhalb des Zwerchfells tendenziell eher die Wahrscheinlichkeit, dass sie a) nur an der Oberfl\u00e4che kratzen und unvollst\u00e4ndig bleiben; b) nicht sehr tief gehen und c) sich st\u00e4ndig im Kreis drehen und sich leicht in Assoziationen und Bedeutungen ersch\u00f6pfen, die von der theoretischen Ausrichtung beeinflusst werden, die im jeweiligen klinischen Kontext gegeben ist.<\/p>\n<p>Nicht dass diese Prozesse keine Ver\u00e4nderung bewirken k\u00f6nnten. Das tun sie durchaus, sonst h\u00e4tten sie sich nicht so lange gehalten. Gleichzeitig aber erh\u00f6hen sie die Chance, dass wir eine Kritik wie die von Hillmann zu h\u00f6ren bekommen, der einmal die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigte Frage stellte, was wir denn nach einhundert Jahren Psychotherapie vorzuweisen h\u00e4tten. Stellen Sie sich nur vor, welche M\u00f6glichkeiten es bieten w\u00fcrde, Herr Prengel, wenn all die verschiedenen Ans\u00e4tze in der Praxis anfangen w\u00fcrden, die verschiedenen K\u00f6rper, aus denen sich so ein Mensch zusammensetzt, bei der Verk\u00f6rperung zu unterst\u00fctzen. Dazu brauchen Therapeuten nicht einmal ihre theoretische Orientierung zu \u00e4ndern. Und schwierig ist es ebenfalls nicht, wie die Beispiele zeigen.<\/p>\n<p><i>Serge Prengel: Was Sie da sagen, hat eine gro\u00dfe Tiefe. Und gleichzeitig denken Sie da offenbar sehr pragmatisch. An dem gerade erw\u00e4hnten Fall mit der Frau aus den Niederlanden fiel mir zum Beispiel folgendes auf: Wenn wir mit Angst konfrontiert sind, haben wir Menschen ja alle die Tendenz, sozusagen alles einzuziehen und &#8220;zu&#8221; zu machen. Auf eine gewisse Weise ist das eine physiologische Reaktion, aber da ist auch ein weit verbreiteter Hang dazu, uns dieser Erfahrung nicht aussetzen zu wollen. Sie aber zeigen der Klientin eine simple M\u00f6glichkeit, sich sogar noch zu \u00f6ffnen, und das auf eine Weise, durch die alles in Fluss kommt und sie die Angst f\u00fchlen kann, ohne dass diese Angst sie l\u00e4hmt. <\/i><\/p>\n<p>Raja Selvam: Da sprechen Sie etwas sehr Wichtiges an. Unser naturgegebener Hang dazu, unangenehmen Emotionen aus dem Weg zu gehen, basiert auf der Tatsache, dass diese \u00fcberhaupt erst entstehen, indem es im einen oder anderen Umfang zu einer gest\u00f6rten Regulierung \u00fcberlebenswichtiger physiologischer Systeme kommt. Bestimmte Teile des Gehirns, denen mehr an \u00dcberlebenssicherung und Hom\u00f6ostase gelegen ist, m\u00f6gen so etwas gar nicht. Sie neigen dann dazu, dem entgegen zu wirken, indem sie physiologische Systeme mehr oder weniger noch weiter abschalten oder herunterfahren. Au\u00dferdem k\u00f6nnen Schichten von psychischem Widerstand gegen unangenehme Erfahrungen hinzukommen, die sich dann in bestimmten Mustern niederschlagen, nach denen der physische und der feinstoffliche K\u00f6rper &#8220;dicht&#8221; machen, mitsamt den dazugeh\u00f6rigen Symptomen.<\/p>\n<p>Hier kommen wir mit der Arbeit schon ein gutes St\u00fcck weiter, wenn wir den individuellen physischen und feinstofflichen K\u00f6rper samt seiner Beziehung zum kollektiven physischen und feinstofflichen K\u00f6rper und wiederum die Beziehung dieser beiden zum absoluten, dem Bewusstseinsk\u00f6rper einbeziehen. Aber all das wird zwecklos sein, nur ein leeres Ritual oder Verfahren, wenn die Betreffenden die damit verbundenen psychischen Erfahrungen nicht auf eine Weise in sich stehen lassen, sie verstehen, gedanklich erfassen und ihnen entsprechend handeln k\u00f6nnen, dass sich darin die Verk\u00f6rperung der verschiedenen Energien der einzelnen K\u00f6rper spiegelt, die vor\u00fcbergehend pr\u00e4sent sind, wenn wir mit diesen K\u00f6rpern arbeiten.<\/p>\n<p>Deshalb ist die F\u00e4higkeit, Gegens\u00e4tze zu tolerieren, der Kern des Jungschen Individuationsmodells und der des Erleuchtungsmodells beim Advaita Vedanta und bietet der menschlichen Psyche noch gr\u00f6\u00dfere Wachstumsm\u00f6glichkeiten. Die F\u00e4higkeit, Gegens\u00e4tze zu tolerieren, meint \u00fcbrigens nicht nur das passive Erleben und Zulassen emotionaler Zust\u00e4nde, sondern auch eine gewisse F\u00e4higkeit, gegens\u00e4tzliche Kognitionen, die sich bei uns einstellen und gegens\u00e4tzliche Dinge, die wir in der Welt tun, so stehen lassen zu k\u00f6nnen. Oder es zumindest aushalten zu k\u00f6nnen, in der eigenen Phantasie gegens\u00e4tzliche Kognitionen zu haben und gegens\u00e4tzliche Handlungen in der Welt auszuf\u00fchren.<\/p>\n<p>In der Psychoanalyse bestand diese kluge Erkenntnis schon immer, und zwar in Form der Idee der Affekttoleranz. Der intersubjektive Psychoanalytiker Robert Stolorow brachte dies einmal sehr pr\u00e4gnant auf den Nenner, dass das einzige, was wir unseren Klienten geben k\u00f6nnten, Affekttoleranz sei. Leider bewegt man sich in der gesamten Psychologie hiervon weg. Das Hauptaugenmerk hat sich verlagert, und zwar in die Richtung, Affekte loszuwerden, Energien zu entladen, beides mit Medikamenten wegzubekommen und dergleichen mehr. Gut m\u00f6glich, dass dieser Trend darauf basiert, dass man sich schwer tut, den Dingen auf den Grund zu gehen. Und das wiederum k\u00f6nnte mit der k\u00f6rperlosen Art und Weise zu tun haben, auf die Psychotherapie oft abl\u00e4uft.<\/p>\n<p>Aber es gibt durchaus eine Alternative, eine verk\u00f6rperte Art der Aufarbeitung. Wie wir wissen, k\u00f6nnen wir es nicht verhindern, dass Menschen Traumen und andere schwierige Erfahrungen durchmachen. Und hieran k\u00f6nnen wir nicht einfach etwas &#8220;reparieren&#8221;, wie k\u00f6nnen es nicht einfach zum Verschwinden bringen. Es gilt derartiges zu durchleben, nur eben auf eine wohlbedachte Weise, indem der ganze Organismus dazu eingesetzt wird, die \u00fcberw\u00e4ltigende Erfahrung hervorzurufen, zu sp\u00fcren, zu regulieren und ihr in sich Raum zu geben. Auf diese Weise lernen Menschen dann, dass sie derartiges irgendwann auch wieder hinter sich haben. Intuitiv f\u00fcrchten sie sich dann nicht mehr vor dem Leben und den schwierigen Erfahrungen, die sich in ihm fr\u00fcher oder sp\u00e4ter immer einstellen, wenn man Buddha Glauben schenken m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Ich glaube sehr daran, Menschen dar\u00fcber aufzukl\u00e4ren, wie ihr physischer und ihr feinstofflicher K\u00f6rper mit ihren psychischen Erfahrungen zusammenh\u00e4ngen: Und ich kann ihnen m\u00f6glichst einfache Wege zeigen, wie sie mit diesen K\u00f6rpern umgehen und arbeiten k\u00f6nnen, w\u00e4hrend sie positiven wie auch negativen Lebenserfahrungen ausgesetzt sind.<\/p>\n<p>Ich habe zwei Doktortitel. Den ersten habe ich in Wirtschaft erworben, Schwerpunkt Marketing, den zweiten in Klinischer Psychologie. Ich wei\u00df, dass ein System oder Verfahren schon leicht verst\u00e4ndlich, leicht anzuwenden und problemlos in andere, bereits existierende Systeme zu integrieren sein muss, sonst wird er weder auf breiter Ebene angewandt werden, noch wird er viel ausrichten.<\/p>\n<p>Die fr\u00fchesten Systeme der K\u00f6rperpsychotherapie belegen das sehr gut. Von nicht k\u00f6rperorientierten Psychotherapeuten verlangten diese Systeme eine Auseinandersetzung mit v\u00f6llig neuen theoretischen Konzepten und Interventionen. Etwa Charakterstrukturen und den Oberk\u00f6rper frei zu machen und sich r\u00fccklings \u00fcber eine Holzbank zu beugen. Interventionen wie die gerade genannte wirkten so exotisch und riskant, dass sie sich nie wirklich durchsetzten. Sie beschr\u00e4nkten sich auf eine kleine Gruppe von Praktizierenden, die von Zeit zu Zeit bei Tagungen in ihren eigenen Reihen zusammenkamen und dort beklagten, wie entk\u00f6rperlicht der Mainstream noch immer war.<\/p>\n<p>Zweifellos hat der Mangel an Verk\u00f6rperung in der g\u00e4ngigen Psychologie diverse historische Gr\u00fcnde. Aber aus meiner Sicht muss ich auch sagen, dass das fehlende Angebot an anwenderfreundlichen Ann\u00e4herungen an mehr Verk\u00f6rperung bei den k\u00f6rperorientierten Psychotherapieans\u00e4tzen ebenfalls keine unerhebliche Rolle spielte. Wenn wir uns anschauen, wie viel Erfolg das auf der Achtsamkeitsmeditation basierende K\u00f6rpersp\u00fcren in neuerer Zeit zu verzeichnen hat, auch im Mainstream der Psychologie, wird das sehr deutlich.<\/p>\n<p>Stellen wir uns vor, die Psychoanalytiker w\u00fcrden, wenn sie sich innerhalb ihres eigenen theoretischen Rahmens mit schwierigen Erfahrungen etwa auf der Gef\u00fchlsebene besch\u00e4ftigen, verstehen, wie diese im physischen und feinstofflichen K\u00f6rper entstehen. Sie w\u00fcrden verstehen, wie diese beiden K\u00f6rper zumachen, wenn es innen oder au\u00dfen nicht genug Unterst\u00fctzung bei solchen Erfahrungen gibt. Stellen wir uns vor, sie w\u00fcssten, wie sie mit einfachen Mitteln, etwa durch Lenkung der Wahrnehmung, Selbstber\u00fchrung und Bewegung mehr Raum im physischen und feinstofflichen K\u00f6rper schaffen k\u00f6nnen, damit solche Erfahrungen entstehen k\u00f6nnen, zug\u00e4nglich werden und vom Klienten toleriert werden. W\u00e4re das gegeben, fiele es ihnen leichter, verk\u00f6rpert vorzugehen ohne ihre prim\u00e4re theoretische Ausrichtung dabei aufzugeben oder ungew\u00f6hnliche Interventionen starten zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p><i>Serge Prengel: Verstehe. Und hier haben wir also das bislang fehlende Bindeglied. <\/i><\/p>\n<p>Raja Selvam: Ja.<\/p>\n<p>Und so schwer ist das eigentlich gar nicht, wie ich in den letzten 20 Jahren beim Behandeln und Ausbilden von Menschen in immerhin 16 L\u00e4ndern feststellen konnte. So erlebte ich es mit Tsunami-\u00dcberlebenden in Indien und \u00dcberlebenden des B\u00fcrgerkriegs in Sri Lanka. Es stimmt mich zuversichtlich, dass derartiges tats\u00e4chlich machbar ist.<\/p>\n<p>Wenn es darum geht, den feinstofflichen K\u00f6rper mit einzubeziehen, so ist das eine sehr spannende Sache, da die Quantenphysik hier richtungsweisend ist, auch wenn sie in der Psychologie noch nicht so ganz angekommen ist. Und sei es nur in der Form, die Existenz einer tieferen Ebene des physischen K\u00f6rpers in Betracht zu ziehen. Wir wissen noch nicht so recht, wie wir in der Psychologie auch nur die Quantenebene des physischen K\u00f6rpers n\u00e4her erkunden k\u00f6nnen. Mit Hilfe der Hirnszintigrafie l\u00e4sst sich schlie\u00dflich nur das Verhalten von Neuronen beobachten, und diese sind ja definitiv nicht auf der subatomaren Ebene angesiedelt. Im quantenphysikalischen Forschungszentrum <a href=\"https:\/\/home.cern\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">CERN<\/a> im Kanton Genf l\u00e4sst man atomare und subatomare Teilchen in unterirdischen Tunnelkonstruktionen (so genannten Teilchenbeschleunigern) ann\u00e4hernd mit Lichtgeschwindigkeit aufeinander oder gegen ein Hindernis prallen, um die so entstehenden feineren subatomaren Teilchen zu untersuchen, die dann f\u00fcr Mikrosekunden auf Computermonitoren aufblitzen! Von daher ist es nicht klar, wie wir es angehen k\u00f6nnten, die Existenz von derartigem in unserem physischen K\u00f6rper und die unseres feinstofflichen K\u00f6rpers zu beweisen. Zun\u00e4chst einmal bleiben nur R\u00fcckschl\u00fcsse aus solchen Forschungsprojekten.<\/p>\n<p>Was wir jedoch von der \u00f6stlichen Psychologie wissen ist, dass das Gewahrsein, auch wenn es begrenzt scheinen mag und einem vielleicht wie eine Funktion des Gehirns vorkommt (oder des feinstofflichen K\u00f6rpers, wenn es das eigene Weltbild erlaubt), s\u00e4mtlichen Ebenen unseres Daseins \u00fcbergeordnet ist. Solange die Psychologie unser Gewahrsein weiter f\u00fcr eine Funktion des physischen Gehirns auf der Ebene des grobstofflichen K\u00f6rpers h\u00e4lt, haben wir ein Problem. Zum Gl\u00fcck ist es in der Psychologie auch Usus, die subjektive Erfahrung wertzusch\u00e4tzen und mit ihr zu arbeiten, auf welche Quelle auch immer sie zur\u00fcckgehen mag. Zudem erachtet man Modelle der Psyche einfach nur als Modelle der Psyche und beurteilt psychologische Ans\u00e4tze eher nach dem Ergebnis ihrer Interventionen statt danach, wie zutreffend oder nicht zutreffend das Modell hinter den Interventionen ist.<\/p>\n<p>Solange wir also wissen, wie wir diese Ph\u00e4nomene ins Bewusstsein r\u00fccken oder anderweitig in die Arbeit einbeziehen k\u00f6nnen, von denen behauptet wird, sie gingen auf einen K\u00f6rper zur\u00fcck, der auf der Quantenebene angesiedelt ist, ist diese Aufgabe auch gar nicht so schwer wie gemeinhin angenommen. Au\u00dferdem haben wir Ergebnisse in dieser Richtung vorzuweisen. Und f\u00fcr diese kommt es nicht wirklich darauf an, ob wir auf der Quantenebene des physischen K\u00f6rpers arbeiten oder mit einem recht anderen Quantenk\u00f6rper namens feinstofflicher K\u00f6rper oder einfach mit fehlgedeuteten und falsch eingeordneten Ph\u00e4nomenen des physischen K\u00f6rpers, wie einige behaupten w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Was ich hartgesottenen Skeptikern damit sagen will, ist: wenn man Menschen ungew\u00f6hnliche Ph\u00e4nomene zu Bewusstsein bringen kann und die Arbeit mit diesen ihnen wirklich hilft, spielt es keine Rolle, ob das Modell, auf das man sich dabei st\u00fctzt, vielleicht ein reiner Mythos oder eine Metapher ist. Ich denke, solange es hilft, sollten wir es ernsthaft in Betracht ziehen, uns die entsprechenden Vorgehensweisen anzueignen \u2013 vor allem, wenn die Resultate gro\u00dfartig sind.<\/p>\n<p><i>Serge Prengel: Sehr richtig. Wir haben hier also gewisserma\u00dfen Parallelen zur Quantenphysik. Auch sie kann man ja als etwas unglaublich Theoretisches und Abstraktes betrachten. Aber von Zeit zu Zeit finden dann Experimente statt, die zeigen, dass die Theorie sich mit dem deckt, was tats\u00e4chlich geschieht. Das beweist in einem gewissen Sinne nicht unbedingt, dass das theoretische Modell absolut der Wahrheit entspricht. Aber es ist auf jeden Fall ein Hinweis darauf, dass es sinnvoll ist, die Geschichten, die einem die Theorie hierzu erz\u00e4hlt, aufzugreifen, um bei der Arbeit bestimmte Wege einzuschlagen. <\/i><\/p>\n<p>Raja Selvam: Ja, mit einer Einschr\u00e4nkung, Herr Prengel: Es k\u00f6nnte noch andere theoretische Modelle geben, auf die bislang noch niemand gekommen ist und die das gleiche Verhalten vorhersagen wie das zwischen den beobachtbaren subatomaren Teilchen!<\/p>\n<p>Und hier noch ein Gedanke zur Quelle unseres Gewahrseins. Selbst wenn das Gewahrsein eine Funktion des grobstofflichen K\u00f6rpers ist \u2013 was der Hypothese entspricht, an der die Wissenschaft heute ohne irgendeinen Beweis f\u00fcr ihre G\u00fcltigkeit festh\u00e4lt \u2013 k\u00f6nnte es eine Funktion der Quantenebene des grobstofflichen K\u00f6rpers ein. Die \u00f6stliche Psychologie sagt, das Gewahrsein sei weder eine Funktion des grobstofflichen K\u00f6rpers noch eine Funktion des feinstofflichen K\u00f6rpers \u2013 des individuellen ebenso wenig wie des kollektiven. Das Gewahrsein ginge \u00fcber all das hinaus und sei gleichzeitig der unver\u00e4nderliche Urgrund von allem. Faszinierend, oder?<\/p>\n<p><i>Serge Prengel: Gro\u00dfartig. Nun, Herr Selvam, es war mir ein Vergn\u00fcgen. Vielen Dank. M\u00f6chten Sie zum Abschluss vielleicht noch irgendetwas hinzuf\u00fcgen? Oder haben Sie das Gef\u00fchl, das w\u00e4re jetzt der rechte Zeitpunkt, das Interview zu beenden? <\/i><\/p>\n<p>Raja Selvam: Ich denke, das ist ein gro\u00dfartiger Schlusspunkt. Wir haben so weit ausgeholt wie irgend m\u00f6glich! Mir hat das Interview wirklich Freude gemacht und ich m\u00f6chte ihnen daf\u00fcr danken. Und ich hoffe, in den kommenden Jahren werden Psychologie und Psychotherapie mehr den K\u00f6rper einbeziehen, ganz unabh\u00e4ngig von ihrer theoretischen Orientierung.<\/p>\n<p>Ich hoffe, dass ich zu diesem Prozess der Verk\u00f6rperung und der hierdurch erm\u00f6glichten besseren klinischen Wirksamkeit der Behandlung ganz gew\u00f6hnlicher Probleme, mit denen ganz gew\u00f6hnliche Menschen hilfesuchend in die Praxis kommen, meinerseits ein wenig beitragen kann. Ich habe es mir zum Ziel gesetzt, weiter noch einfachere M\u00f6glichkeiten zu finden oder zu entwickeln, mit denen Klinikern unterschiedlichster Couleur geholfen werden kann, unsere verschiedenen K\u00f6rper in ihre Arbeit einzubauen und sie zu &#8220;bewohnen&#8221;. Ich sch\u00e4tze einmal, damit werde ich f\u00fcr den Rest meines Lebens alle H\u00e4nde voll zu tun haben!<\/p>\n<h3>Zur Person von Raja Selvam<\/h3>\n<p>Dr. Raja Selvam ist einer der leitenden Trainer bei fachlichen Weiterbildungen in dem von Peter Levine entwickelten Traumatherapieansatz Somatic Experiencing (SE). Zudem entwickelte er die Integrale Somatische Psychotherapie (ISP), einen differenzierten Ansatz f\u00fcr die Integration von K\u00f6rper, Energie und Bewusstsein in psychische Prozesse jeder Art, der sich an erfahrene KlinikerInnen wendet. Sein bewusst eklektischer Ansatz sch\u00f6pft aus K\u00f6rperarbeitssystemen wie der Posturalen Integration, der Biodynamischen Craniosacral-Therapie und Polarity Therapie sowie aus K\u00f6rperpsychotherapieschulen wie der Reichianischen Therapie, der Bioenergetik und der Bodynamic Analysis, der Jung\u2019schen und Archetypenpsychologie, aus psychoanalytischen Schulen wie der Objektbeziehungs- und Intersubjektiven Psychologie, aus Somatic Experiencing (SE), Affektiver Neurowissenschaft und dem Advaita Vedanta, einer spirituellen Denkschule Indiens. Sein Artikel zur Behandlung von Traumasymptomen unter indischen Tsunami- \u00dcberlebenden erschien in der Fachzeitschrift <i>Traumatology <\/i>(September 2008)<i>. Jung and Consciousness <\/i>wurde im Herbst 2013 in der auf analytische Psychologie spezialisierten Fachzeitschrift <i>Spring <\/i>ver\u00f6ffentlicht. Raja Selvam \u00fcbt Lehrt\u00e4tigkeiten in den Vereinigten Staaten, England, Frankreich, Deutschland, \u00d6sterreich, der Schweiz, den Niederlanden, Belgien, D\u00e4nemark, Russland, Italien, Israel, Indien, Sri Lanka, Hong Kong, China und Brasilien aus. Zudem ist er weiter darin involviert, die Traumabehandlungsm\u00f6glichkeiten in Indien und Sri Lanka zu verbessern.<\/p>\n<p>Informationen zu ISP-Ausbildungen&nbsp;finden sich unter: <a href=\"https:\/\/integralsomaticpsychology.com\/isp-professional-training\/\">https:\/\/integralsomaticpsychology.com\/isp-professional-training\/<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview: Serge Prengel, Somatic Perspectives on Psychotherapy. Mitschrift: Cornelio. Deutsche \u00dcbersetzung: Silvia Autenrieth (Hinweis: Der vorliegende Text weicht stark vom Originalinterview ab. Er wurde im Sinne der Klarheit und des Informationsgehalts nachtr\u00e4glich von Raja Selvam \u00fcberarbeitet.) 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